CD-Cover „Hier spricht Radio Tyrus“, Volume 5: Scheich Abraham

Scheich Abraham

Zu Gast im Zelt eines biblischen Patriarchen anno 1810 v. Chr.

Hörprobe „Eine Braut für Isaak“

0:00 / 3:33
Schauplatz
Kanaan
Zeit
1810 v. Chr.
Beiträge
18 Titel

Worum es geht

Wer heute eine Bibel in die Hand nimmt, um die Geschichte des Erzvaters Abraham im Original nachzulesen (1.Mose 12-23), der merkt bald, dass er sich auf eine schwierige Lektüre eingelassen hat. Diese Texte gehören zu den frühesten Zeugnissen der Weltliteratur und sind zweieinhalb- bis viertausend Jahre alt. Sie wurden für Menschen niedergeschrieben, die in einer völlig anderen Welt gelebt haben.

Lange Zeit hat die Wissenschaft die Gestalt des Abraham in den Bereich der Legende verwiesen. Spätere Generationen hätten die Geschichten erfunden, um dem jungen Volk Israel eine altehrwürdige Vergangenheit anzudichten. Es erschien undenkbar, dass solche Berichte nur durch mündliches Weitererzählen über tausend Jahre wahrheitsgetreu überliefert sein könnten. Falls es einmal einen Mann wie Abraham gegeben habe - mehr als die Erinnerung an seinen Namen sei uns nicht geblieben.

Als Sensation wurde es empfunden, als die Archäologen immer mehr Belege ans Licht brachten, die die Aussagen der Bibel zu bestätigen schienen. Man stellte fest, dass viele Orte, die in der Bibel erwähnt sind, wirklich existiert haben. Man fand Urkunden und Texte, die deutliche Ähnlichkeiten aufweisen mit Lebensformen und Rechtsbräuchen, wie sie in den biblischen Vätergeschichten beschrieben werden. Auf einigen alten Tafeln entdeckte man sogar die Namen Abraham und Jakob. “Und die Bibel hat doch recht!” - so hieß es. Aber trotz aller Anstrengungen ist es den Forschern bisher nicht gelungen, einen eindeutigen Beweis dafür zu erbringen, dass der biblische Stammvater Abraham wirklich gelebt hat.

Dennoch halten heute viele Forscher die alten Geschichten der Bibel in ihrem Kern für glaubwürdig. Denn sie beschreiben Einzelheiten und urtümliche Anschauungen, die späteren Generationen nicht mehr bekannt sein konnten. Ethnologen haben gezeigt, dass es durchaus Kulturen gibt, in denen mündliche Traditionen auch über Jahrhunderte wortgetreu überliefert wurden. Wissenschaftler beginnen, hinter den biblischen Texten einen historischen Kern herauszuschälen. Auf dem Hintergrund solcher Forschungen beschreibt unsere Sendung den biblischen Patriarchen Abraham: Als Familienoberhaupt und „Scheich“ einer Kleinvieh-Nomadensippe zu Beginn des zweiten Jahrtausends vor Christus.

Pressestimme

Eine erfreulich unverkrampfte Mischung aus Bibelkunde und parodistischer Selbstreflexion des Mediums Radio, sorgsam recherchiert auf dem Boden heutigen Wissens, wie es damals gewesen sein könnte.

Die Presse, „Wenn Bücher klingen“, 2000

Hörprobe zum Nachlesen: „Eine Braut für Isaak“

Textfassung der Hörprobe (3:33 Min.). Maschinell transkribiert und redaktionell überarbeitet; einzelne Namen und Wendungen können vom gesprochenen Original abweichen.

Textfassung anzeigen

Im Übrigen muss man aber vielleicht auch mal wissen, wo diese Braut herkommt. Ich habe es eben schon angesprochen, dass ja hier alles sehr familiär ist. Auch die Brautwerbung – und auch die Bräute kommen nicht von weiter weg, jedenfalls nicht, was die Sippe angeht. Und darum ist Inge Bongers nun wieder unterwegs, um zu sagen, wie es war, als Rebekka gefreit wurde in Haran.

Ja, und Sie hören es vielleicht schon: Ich sitze hier am Brunnen vor dem Tore, sozusagen, nämlich vor der Stadt Haran. Hier herrscht ein sehr reges Kommen und Gehen, obwohl der größte Betrieb eigentlich schon vorbei ist, nämlich am frühen Morgen und dann wieder am Abend. Da kommen dann die Frauen und Mädchen mit ihren Krügen – auf der Schulter, solange sie leer sind, und auf dem Kopf nachher, wenn sie voll sind. Jetzt sieht man hier nur so ein paar Nachzügler von den Zelten und Hütten vor der Stadtmauer. Die Wanderer und Kamelkarawanen schlagen neue Zelte auf, zumindest die Ärmeren von ihnen, die nicht das Geld haben, in einem Karawanenhof einzukehren.

Vielleicht muss ich diesen Brunnen hier ein bisschen erklären. Es ist nämlich kein tiefes Loch mit einem Mäuerchen drum herum, wie man das vielleicht anderen Orts kennt. Das ist mehr ein tief in die Erde eingegrabenes Becken, zu dem seitlich Stufen hinunterführen. Die Frauen schöpfen das Wasser mit ihren Ledereimern, aber dann gibt es auch so Tränkrinnen für das Vieh, in die wird das Wasser stets frisch gegossen. Und dann gibt es hier nebenbei auch noch einen Waschplatz, wo die Wäsche über die blanken Steine geschlagen wird. Das ist eine Arbeit, die vor allem die Hapiru-Tagelöhner für die Reichen aus der Stadt machen. Jetzt, so in der schlimmsten Mittagshitze, ruhen sich aber die meisten unter den nahen Bäumen im Schatten aus.

Ja, und hier an diesem Brunnen, da hat auch die Geschichte der Hochzeit, die bei Ihnen gefeiert wird, begonnen. Man erzählt sie sich hier wieder und wieder, mit ganz vielen schönen Ausschmückungen, und jeder weiß mittlerweile ganz genau, was die Beteiligten gesagt und gedacht und gemacht haben. Also, jetzt mal die Kurzfassung sozusagen: Ein Fremder kam damals in die Stadt. Mit zehn schwer beladenen Kamelen hat er sich hier an diesem Brunnen niedergelassen, als die Frauen abends das Wasser holten. Und als dann die schöne junge Rebekka kam, da war es, wie wenn er nur auf sie gewartet, ja geradezu um ihr Erscheinen gebetet hätte. Er bat sie um einen Schluck Wasser aus ihrem Wasserkrug, und sie hat ihm auch noch Wasser für seine Kamele in die Tränkrinne geschüttet.

Und dann hat er überraschend als Dank die große Schmuckschatulle aufgemacht. Goldene Nasenringe und Armspangen, ich weiß nicht, wie viele Schekel schwer, vielleicht auch noch Stirnschmuck und Knöchelringe, auf jeden Fall so wertvoll, dass dem Mädel unter allen Umständen die Augen übergingen. Und dann fiel der Mann auch noch gleich auf die Knie und pries laut und überschwänglich den Herrn. Da hat die verschreckte Rebekka gleich ihren weißen Schleier noch ein bisschen dichter vor das Gesicht gezogen und rannte zu ihren Eltern.

Und dann kam der große Bruder Laban, und als alle Neugierigen schon dachten, jetzt gibt’s hier ein Mordsspektakel, da war die Überraschung groß: Der Fremde stellte sich artig vor als ein Abgesandter Abrahams, der extra gekommen war, um für dessen Sohn eine Braut aus dem Land seiner Väter zu holen, so wie es ihm Gott im Übrigen verheißen hat. Und man wurde sich ganz rasch handelseinig. Schon am nächsten Morgen folgte die Auserwählte mit ihrer Amme und ihren Mägden und ein paar Freundinnen dem Brautwerber auf die lange, lange Reise, nachdem man sie entsprechend gesegnet und mit den besten Wünschen versehen hatte. „Du, unsere Schwester“, so heißt der Segenswunsch, „werde die Mutter von tausendmal zehntausend; deine Nachkommen sollen besetzen das Tor ihrer Feinde.“ Na ja, und den Rest, den wissen Sie.

Danke Ihnen, Frau Bongers. Der Brautzug, also der mit Rebekka – mit der verschleierten Rebekka, versteht sich –, ist jetzt fast angelangt da, wo dann das Verbindende passiert. Abraham sitzt auf einem wunderbar ausgestatteten Sitz mit Fellen. Er wird dann das Paar segnen. Segnen heißt: Er wird die Hände über ihre Köpfe halten, er wird ihnen Öl auf das Haupt streichen, und er wird ihnen sagen: Ihr seid verbunden – so etwas Ähnliches wie „in guten und in schlechten Tagen“. Auf jeden Fall ein Bund fürs Leben.

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