Scheich Abraham

Zu Gast im Zelt eines biblischen Patriarchen anno 1810 v. Chr.

Kurzfilm „Eine Braut für Isaak“ 3:39 Min. · mit Untertiteln

Bilder KI-generiert, angelehnt an die Vorlagen im CD-Beiheft (Grabmalerei Beni Hassan, Häuser in Haran). Ton: Original-Hörprobe.

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Hörprobe „Eine Braut für Isaak“

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Schauplatz
Kanaan
Zeit
1810 v. Chr.
Beiträge
18 Titel

Worum es geht

Zu Gast bei einer Hochzeit im Nomadenlager: Radio Tyrus besucht den Patriarchen Abraham, Familienoberhaupt einer Kleinvieh-Nomadensippe zu Beginn des zweiten Jahrtausends vor Christus. Es geht um ungewisse Versprechungen, eine verstoßene Nebenfrau, Sodom und Gomorrha, altorientalische Küchenrezepte – und um einen Glauben, der alles aufs Spiel setzt.

Ausführlicher Hintergrund: die Texte aus dem CD-Beiheft

Pressestimme

Eine erfreulich unverkrampfte Mischung aus Bibelkunde und parodistischer Selbstreflexion des Mediums Radio, sorgsam recherchiert auf dem Boden heutigen Wissens, wie es damals gewesen sein könnte.

Die Presse, „Wenn Bücher klingen“, 2000

Begleitheft zur CD · Vol. 5

Aus dem Beiheft

Die Begleittexte und Abbildungen aus dem gedruckten Heft zur CD „Scheich Abraham“. Der Wortlaut folgt dem Heft einschließlich seiner Schreibweisen; nur die Typografie wurde vereinheitlicht und offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.

Kapitel 1 Abraham – nur eine Sagengestalt?

Wer heute eine Bibel in die Hand nimmt, um die Geschichte des Erzvaters Abraham im Original nachzulesen (1. Mose 12–23), der merkt bald, dass er sich auf eine schwierige Lektüre eingelassen hat. Diese Texte gehören zu den frühesten Zeugnissen der Weltliteratur und sind zweieinhalb- bis viertausend Jahre alt. Sie wurden für Menschen niedergeschrieben, die in einer völlig anderen Welt gelebt haben.

Lange Zeit hat die Wissenschaft die Gestalt des Abraham in den Bereich der Legende verwiesen. Spätere Generationen hätten die Geschichten erfunden, um dem jungen Volk Israel eine altehrwürdige Vergangenheit anzudichten. Es erschien undenkbar, dass solche Berichte nur durch mündliches Weitererzählen über tausend Jahre wahrheitsgetreu überliefert sein könnten. Falls es einmal einen Mann wie Abraham gegeben habe – mehr als die Erinnerung an seinen Namen sei uns nicht geblieben.

Als Sensation wurde es empfunden, als die Archäologen immer mehr Belege ans Licht brachten, die die Aussagen der Bibel zu bestätigen schienen. Man stellte fest, dass viele Orte, die in der Bibel erwähnt sind, wirklich existiert haben. Man fand Urkunden und Texte, die deutliche Ähnlichkeiten aufweisen mit Lebensformen und Rechtsbräuchen, wie sie in den biblischen Vätergeschichten beschrieben werden. Auf einigen alten Tafeln entdeckte man sogar die Namen Abraham und Jakob. „Und die Bibel hat doch recht!“ – so hieß es. Aber trotz aller Anstrengungen ist es den Forschern bisher nicht gelungen, einen eindeutigen Beweis dafür zu erbringen, dass der biblische Stammvater Abraham wirklich gelebt hat.

Dennoch halten heute viele Forscher die alten Geschichten der Bibel in ihrem Kern für glaubwürdig. Denn sie beschreiben Einzelheiten und urtümliche Anschauungen, die späteren Generationen nicht mehr bekannt sein konnten. Ethnologen haben gezeigt, dass es durchaus Kulturen gibt, in denen mündliche Traditionen auch über Jahrhunderte wortgetreu überliefert wurden. Wissenschaftler beginnen, hinter den biblischen Texten einen historischen Kern herauszuschälen. Auf dem Hintergrund solcher Forschungen beschreibt unsere Sendung den biblischen Patriarchen Abraham: Als Familienoberhaupt und „Scheich“ einer Kleinvieh-Nomadensippe zu Beginn des zweiten Jahrtausends vor Christus.

Kapitel 2 Kleinvieh-Nomaden: ärmlich – aber stolz

„Ein herumirrender Nomade war mein Vater“ – so heisst es in einem alten jüdischen Glaubensbekenntnis: „Als Asylsuchender ging er nach Ägypten, seine Sippe war gering an Zahl.“ Es gehört zu den erstaunlichen Fakten in der Geschichte des Volkes Israel, dass es seine Ursprünge nicht nachträglich heroisch verklärt hat. Die Vätergestalten Abraham, Isaak und Jakob werden als das beschrieben, was sie wohl wirklich einmal gewesen sind: armselige Nomaden-Scheichs, die mit ihren Schaf- und Ziegenherden am Rand des besiedelten Ackerlandes ein kärgliches Auskommen fanden. In guten Regenjahren konnten sie ihre Herden bis weit in die Wüste hinein auf die Weide schicken. Zu Zeiten langanhaltender Dürre waren sie gezwungen, im grünen Nildelta um einen Weideplatz zu bitten. Dafür mussten sie freiwillig Sklavenarbeit übernehmen – was von den freiheitsliebenden Steppenbewohnern als besonders erniedrigend empfunden wurde.

Nomaden hat es im Orient schon immer gegeben. Sie nutzten das unbebaute Land zwischen den landwirtschaftlich erschlossenen Gebieten. In der trockenen Jahreszeit, wenn in der Steppe das Gras verdorrt war und die Wasserlöcher versiegten, schlugen sie ihr Quartier in der Nähe einer Stadt auf. Hier hatten sie Vereinbarungen mit den Grundbesitzern, die ihnen erlaubten, die abgeernteten Felder als Weide zu nutzen. In guten Zeiten pachtete man wohl auch ein Stück Land, auf dem ein Teil der Familie Ackerbau betrieb. Die jungen Männer der Sippe waren währenddessen weit entfernt in anderen Teilen des Landes mit den Herden unterwegs. Die Grenzen der Weidegebiete waren durch Verträge mit anderen Nomadensippen abgesichert. Wurde die Herde für das zur Verfügung stehende Weideland zu groß, dann musste sich ein Familienmitglied mit einem Teil der Herde einen neuen Lebensraum suchen.

Ägyptische Wandmalerei: Eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern in gemusterten, bunten Gewändern zieht nach rechts. Ein Mann vorn trägt eine Leier, zwei Esel tragen Gepäck und zwei Kinder, Männer führen Speere und Bögen mit sich, ein Mann führt einen Steinbock am Horn.Vollansicht
Eine Gruppe vorderasiatischer Nomaden bittet um Aufnahme in Ägypten. Grabmalerei in Beni Hassan (um 1850 v. Chr.). So könnte die Sippe Abrahams ausgesehen haben.

Das Nomadenleben war hart und voller Entbehrungen. Die Herden konnten wegen der Lämmer und trächtigen Tiere nur langsam vorwärtsziehen. Einmal am Tag musste eine Wasserstelle erreicht werden. Das Weideland war oft gebirgig und von undurchdringlichem Gestrüpp überwuchert. Löwen, Bären und Hyänen suchten nach Beute. Die Temperatur konnte tagsüber ins Unerträgliche steigen, in den klaren Nächten sank sie fast an den Gefrierpunkt.

Fast alles, was man zum Leben brauchte, wurde von der Herde gewonnen. Salz und Getreide tauschte man in den Städten ein. Der geringe Hausrat wurde von einer Generation auf die andere weitergegeben. Man besaß ja nur so viel, wie man auf ein paar Eseln transportieren konnte. Die Zelte waren den heutigen Beduinenzelten sehr ähnlich: Sie bestanden aus dunklen Tuchbahnen und waren innen mit Teppichen ausgelegt.

Nomaden sind nicht an einen festen Ort gebunden. Für sie gilt kein staatliches Gesetz. Jeder Familienverband bildet eine selbständige Gemeinschaft. Das Zusammenleben ist durch überlieferte Regeln festgelegt. Über ihre Einhaltung wacht der „Vater“ des Familienclans. Er hat die alleinige Entscheidungsgewalt. Die Sippenangehörigen sind ihm unbedingten Gehorsam schuldig. In der Praxis gab es aber kaum Standesunterschiede: Als Abraham noch in hohem Alter ohne leiblichen Erben war, wollte er einen Sklaven zu seinem Nachfolger bestimmen. Diese Grundanschauung von der gleichen Würde eines jeden Mitglieds der Gemeinschaft hat bis heute das jüdische und christliche Menschenbild geprägt.

Das Gastrecht und die Gastfreundschaft waren heilig. Um das friedliche Nebeneinander der unterschiedlichen Nomadengruppen zu garantieren, galten harte Gesetze. Gleiches wurde mit Gleichem vergolten: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Es galt die Blutrache: Wer das Mitglied einer anderen Sippe getötet hatte, musste zur Sühne selbst sein Leben lassen. Es gab ja keine staatliche Instanz, die zwischen den Familien richten konnte.

Verwandte Sippen hielten auch über große Entfernungen zusammen. Die Familie des Abraham stand noch über Generationen im Kontakt zu ihren Stammesverwandten, die rund 1000 Kilometer entfernt in Haran in Nordsyrien lebten. Dort warb Abraham um eine Braut für seinen Sohn Isaak. Dorthin floh deren Sohn Jakob nach familiärem Streit, um später mit reichen Herden und zwei stammesverwandten Frauen nach Kanaan zurückzukehren.

Historische Karte des Vorderen Orients um 1800 vor Christus, von Ägypten und Kleinasien bis zum Persischen Golf. Beschreibung siehe Text unter der Karte.Vollansicht
Der Vordere Orient zur Zeit Abrahams (um 1800 vor Christus)
Kartenbeschreibung

Die Karte zeigt den „Fruchtbaren Halbmond“: Er reicht von Ägypten mit dem Nil (Memphis, Heliopolis, Theben) über Kanaan an der Mittelmeerküste bis nach Mesopotamien zwischen Euphrat und Tigris.

Kanaan: Hebron, Jerusalem, Jericho, Sichem, Sodom (mit Fragezeichen), Kadesch. An der Küste nördlich davon Tyros, Sidon, Byblos, Arwad und Ugarit; im Binnenland Damaskus, Kadesch am Orontes, Hamath und Tadmor (Palmyra).

Im Norden: Kleinasien mit dem Reich der Hethiter (Hattuša), das Reich Mitanni mit Haran, dazu Karkemisch am Euphrat sowie Vansee, Urmiasee und Kaspisches Meer.

Mesopotamien: Mari am Euphrat, Assyrien mit Assur und Ninive am Tigris, Babylonien mit Sippar, Babylon, Akkad, Nippur, Lagasch, Uruk, Larsa und Ur. Östlich davon Eschnunna, die Kassiten und Elam mit Susa.

In der Mitte, in der Syrischen Wüste zwischen Kanaan und Euphrat, ist der „Bereich der wandernden Hirtenvölker“ eingetragen; Pfeile zeigen ihre Bewegungen in alle Richtungen zu den Kulturländern.

Kapitel 3 Randfiguren der alten Welt

In der Bibel werden die Stammväter Israels so beschrieben, als hätten sie im Mittelpunkt des Weltinteresses gestanden. In Wirklichkeit waren sie aber unbeachtete Randexistenzen in der politischen Welt ihrer Tage. Die damaligen Zentren der Zivilisation lagen in den fruchtbaren Landstrichen, die sich in einem weiten Bogen rund um die Syrisch-Arabische Wüste erstreckten: in Mesopotamien (dem heutigen Irak), in Kleinasien (heute: Türkei), in Syrien und Palästina (damals: Kanaan) und in Ägypten. Die Anfänge dieser Kulturen reichten Jahrtausende zurück – fast ebensoweit, wie die Zeit Abrahams von unserer Gegenwart entfernt ist.

Seit ihrer Entstehung waren die fruchtbaren Kulturländer Anziehungspunkt für Nomadenvölker, die ihre Existenz am Rande der großen syrisch-arabischen Wüste fristeten. Eine Klimaveränderung verschärfte den Druck. Am Nil wie am Euphrat versuchte man, die unerwünschten Zuwanderer durch Grenzmauern abzuhalten. Schließlich musste man sich aber mit ihnen arrangieren. Die Nomaden wurden sesshaft und übernahmen die Kultur ihrer Gastvölker. Oft wurden ihre Scheichs später zu Königen und führten das Land zu neuer Macht und Blüte.

Im Land zwischen Euphrat und Tigris waren die Reiche der Sumerer und Akkader unter dem Druck einwandernder Nomadenstämme zerbrochen. Nun konkurrierten selbständige Stadtstaaten um die Vorherrschaft. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis König Hammurabi das große babylonische Weltreich gründete – immer im Machtkampf mit dem Volk der Assyrer, das im Norden Mesopotamiens heranwuchs. Nach biblischer Tradition hatten die Vorfahren Abrahams zuerst eine Heimat im Süden bei der Stadt Ur gesucht, waren aber dann mit ihren Herden 1000 Kilometer nach Norden gezogen und in der Stadt Haran sesshaft geworden.

Abraham selbst machte sich mit einem Teil der Sippe noch einmal auf die Suche nach besserem Weideland. Das fand er schließlich in Südkanaan. Die Sippe unterhielt ein festes Lager bei der Stadt Hebron. Die Weidegebiete aber reichten bis in die Negev-Wüste hinein. Auch Kanaan war ein altes Kulturland. Jericho gilt als eine der ältesten Städte der Welt. Aber sie war zu Abrahams Zeit verlassen, wie viele andere Städte im Inneren Kanaans. Dieser zeitweise Niedergang machte Nomaden wie Abraham erst die Einwanderung möglich.

Während einer extremen Dürreperiode musste Abraham mit seinen Herden in Ägypten Asyl suchen. Hier standen die Pyramiden schon seit 1000 Jahren. Aber Nomaden hatten das „Alte Reich“ ins Chaos gestürzt. Nun hatte eine neue Pharaonen-Generation das Land wieder geeint und zu neuem Wohlstand geführt.

Kapitel 4 Der unsichtbare Gott der wandernden Völker

Schmale, oben abgerundete Steinstele mit einer eingemeißelten Mondsichel und darunter zwei lang gestreckten, erhobenen Armen mit Händen.
Steinfigur eines bärtigen Mannes mit Kappe und gefälteltem Gewand, die Hände vor der Brust zusammengelegt.

In den Augen der „zivilisierten“ Menschen jener Zeit waren die wandernden Nomaden „Stammesangehörige“, die einem primitiven Ahnen- und Geister-Glauben anhingen. Sie hatten keine Götterbilder und keine festen Gotteshäuser wie die Stadtbewohner, sie kannten keine Priester und keine heiligen Schriften. Sie beteten vor aufgerichteten Steinen, auf heiligen Bergen, an heiligen Bäumen und Quellen. Ihr Gott wurde als eine Art Familienbesitz betrachtet. Er teilte sich dem Häuptling der Sippe durch Träume und Visionen mit – manchmal auch anderen Familienangehörigen. Dieser Gott hatte weder Gestalt noch einen eigenen Namen. Man nannte ihn nach den Stammvätern der Familie: Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs.

Wir wissen heute, dass sogenannte „primitive Völker“ nicht wirklich Bäume, Steine oder Kultfiguren „anbeten“. Hier hat man sich in der Vergangenheit wohl ein allzu simples Bild vom „gottlosen Heiden“ gemacht. Sieht man sich die biblischen Geschichten über Abraham und seine Zeit genauer an, so erkennt man, dass die wandernden Hirtengruppen zu jener Zeit vor allem solche Orte heilig hielten, an denen sich in früherer Zeit ein einschneidendes Ereignis der Familiengeschichte zugetragen hatte. Wenn man einen solchen Platz auf seinen Wanderungen erreichte, dann hat man nach damaliger Sitte das dort aufgestellte Erinnerungsmal mit Öl übergossen. Man hat sich ins Gedächtnis gerufen, wie Gott seine Zusagen an den Vätern erfüllt hat, und hat ihm zum Dank ein Tier als Opfer geschlachtet. Auch den religiösen Stätten anderer Stämme und Volksgruppen gegenüber zeigte man Ehrfurcht. Wenn man bei ihnen zu Gast war, hatte man keine Scheu, den eigenen Vätergott mit Namen zu benennen, die den Einheimischen geläufig waren. So wird der Gott Abrahams in der Bibel an manchen Stellen „El Schaddai“ genannt – nach einem amoritischen Beduinengott. Sehr oft trägt er auch nur den Namen des gütigen kanaanäischen Göttervaters „El“.

Steinrelief mit abgerundetem Rahmen: Links steht eine kleinere Gestalt und reicht etwas dar, rechts sitzt eine größere bärtige Gestalt auf einem Lehnstuhl mit hoher Kopfbedeckung.
Darstellung des Göttervaters El auf einem Relief aus Ugarit (ca. 1600 v. Chr.). Der Gott sitzt als bärtiger Greis auf einem Lehnstuhl und empfängt eine Opfergabe. Vom Namen „El“ leite sich der heutige islamische Gottesname „Allah“ ab.

Doch anders als die Bewohner Kanaans mit ihrem vielfach und mythenreich bevölkerten Götterhimmel verehrten Nomadensippen wie die des Abraham immer nur einen Gott. Ihm fühlten sie sich in einem gegenseitigen Treuevertrag verbunden. „Ich will euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein“ – so beschreibt das spätere Israel diesen Bund, ganz in der Tradition Abrahams. Ihm verspricht sein Gott in einer Vision, was ein Nomadenscheich wohl zu jeder Zeit ersehnt hat: Gutes Weideland für die Herden, damit die kleine Sippe einmal zu einem großen Volk wächst, das im fruchtbaren Kulturland eine feste Heimat findet.

Abraham traut dieser Zusage und macht sich auf den Weg ins Ungewisse. Damit erfüllt er von seiner Seite den Vertrag, den ihm sein unsichtbarer Gott angeboten hat. Und am Ende zeigt sich: Dieser Gott hat trotz aller Wechselfälle des Lebens seine Zusage eingehalten. Die vielfältigen Götter Kanaans, Ägyptens und Mesopotamiens werden angerufen, um den immerwährenden Kreislauf des Bestehenden abzusichern. Der Vätergott der Nomaden führt aus der Sackgasse des Bestehenden hinaus in eine ungewisse aber verheißungsvolle Zukunft.

Kapitel 5 4000 Jahre Abraham

Der Ursprung der biblischen Väter-Geschichten geht bis in die Bronzezeit zurück. Seitdem werden sie von einer Generation an die andere weitergereicht. Sie gehören zum ältesten Erinnerungsschatz der Menschheit.

Zuerst war es wohl die eigene Sippe, die die Erinnerung an ihren Stammvater lebendig hielt. Ein besonderes Fest oder der Besuch einer heiligen Erinnerungsstätte gab den Anlass, die alten Geschichten in feierlicher Weise vorzutragen. Wahrscheinlich in einem rhythmischen Sprechgesang, der von Saiteninstrumenten, Rasseln und Handtrommeln begleitet wurde. Aber auch an langen Abenden am Lagerfeuer werden die jungen Hirten einen der Alten gebeten haben: „Erzähl uns noch einmal die Geschichte, wie unser Stammvater Abraham fast seinen Sohn geopfert hätte“.

Dass diese alten Familientraditionen Jahrhunderte später als eine Art Grundgesetz in den Traditionsschatz des werdenden Volkes Israel aufgenommen wurden – dieser Schritt gehört zu den großen Weichenstellungen der Weltgeschichte. Über Jahrtausende hatten andere ins Kulturland eingedrungenen Nomadenvölker sich schnell an die dortige Kultur angepasst und auch die religiösen Vorstellungen, die Götter und Kulte ihrer neuen Heimat übernommen.

Dieses neue Volk aber beharrte auf der Religion seiner nomadischen Vorfahren. Es gründete seine Existenz und seine ungewisse Zukunft auf die Vertragstreue zu einem einzigen unsichtbaren Gott: „Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein.“ Die uralten, mündlich überlieferten Abraham-Erzählungen wurden so zu Schlüsselgeschichten des sich entwickelnden jüdischen Glaubens. Sie nehmen diese Rolle bis heute ein – auch für Christen und Moslems.

Es ist das unbedingte und lebenslang durchgehaltene Vertrauen auf die Zusagen seines Gottes, das Abraham im religiösen Verständnis zum „Vater des Glaubens“ macht. Und es ist sein ganz und gar nicht tugendhafter und vorbildlicher Lebenslauf, der Abrahams Glauben – und damit auch seinen unsichtbaren Gott – bis heute so menschlich und sympathisch macht.

Ein Mann wie Abraham brauchte keinen Tempel und keinen Priester, keine heiligen Schriften, Gewänder oder Geräte, um mit seinem Gott in Verbindung zu treten. Diese Grundhaltung prägt bis heute den jüdischen, christlichen und islamischen Glauben: Jeder Mensch kann eine eigene unmittelbare Beziehung zu Gott haben. Niemand hat das Recht, sich als „Heilsvermittler“ zwischen Mensch und Gott zu stellen und eine Mauer von Geboten und Vorbedingungen aufzurichten, um Menschen in religiöser Unmündigkeit und Abhängigkeit zu halten.

Radierung in Rotbraun: Ein Engel mit ausgebreiteten Flügeln umfasst von hinten den bärtigen Abraham und hält seine Arme fest. Abraham hält in der ausgestreckten Hand ein Messer und bedeckt mit der anderen die Augen seines Sohnes Isaak, der vor ihm kniet.Vollansicht
Abrahams Opfer Rembrandt van Rijn, Radierung, 1655(öffnet in neuem Fenster)

Hörprobe zum Nachlesen: „Eine Braut für Isaak“

Textfassung der Hörprobe (3:33 Min.), die auch den Ton des Kurzfilms bildet. Maschinell transkribiert und redaktionell überarbeitet; einzelne Namen und Wendungen können vom gesprochenen Original abweichen.

Textfassung anzeigen

Im Übrigen muss man aber vielleicht auch mal wissen, wo diese Braut herkommt. Ich habe es eben schon angesprochen, dass ja hier alles sehr familiär ist. Auch die Brautwerbung – und auch die Bräute kommen nicht von weiter weg, jedenfalls nicht, was die Sippe angeht. Und darum ist Inge Bongers nun wieder unterwegs, um zu sagen, wie es war, als Rebekka gefreit wurde in Haran.

Ja, und Sie hören es vielleicht schon: Ich sitze hier am Brunnen vor dem Tore, sozusagen, nämlich vor der Stadt Haran. Hier herrscht ein sehr reges Kommen und Gehen, obwohl der größte Betrieb eigentlich schon vorbei ist, nämlich am frühen Morgen und dann wieder am Abend. Da kommen dann die Frauen und Mädchen mit ihren Krügen – auf der Schulter, solange sie leer sind, und auf dem Kopf nachher, wenn sie voll sind. Jetzt sieht man hier nur so ein paar Nachzügler von den Zelten und Hütten vor der Stadtmauer. Die Wanderer und Kamelkarawanen schlagen neue Zelte auf, zumindest die Ärmeren von ihnen, die nicht das Geld haben, in einem Karawanenhof einzukehren.

Vielleicht muss ich diesen Brunnen hier ein bisschen erklären. Es ist nämlich kein tiefes Loch mit einem Mäuerchen drum herum, wie man das vielleicht anderen Orts kennt. Das ist mehr ein tief in die Erde eingegrabenes Becken, zu dem seitlich Stufen hinunterführen. Die Frauen schöpfen das Wasser mit ihren Ledereimern, aber dann gibt es auch so Tränkrinnen für das Vieh, in die wird das Wasser stets frisch gegossen. Und dann gibt es hier nebenbei auch noch einen Waschplatz, wo die Wäsche über die blanken Steine geschlagen wird. Das ist eine Arbeit, die vor allem die Hapiru-Tagelöhner für die Reichen aus der Stadt machen. Jetzt, so in der schlimmsten Mittagshitze, ruhen sich aber die meisten unter den nahen Bäumen im Schatten aus.

Ja, und hier an diesem Brunnen, da hat auch die Geschichte der Hochzeit, die bei Ihnen gefeiert wird, begonnen. Man erzählt sie sich hier wieder und wieder, mit ganz vielen schönen Ausschmückungen, und jeder weiß mittlerweile ganz genau, was die Beteiligten gesagt und gedacht und gemacht haben. Also, jetzt mal die Kurzfassung sozusagen: Ein Fremder kam damals in die Stadt. Mit zehn schwer beladenen Kamelen hat er sich hier an diesem Brunnen niedergelassen, als die Frauen abends das Wasser holten. Und als dann die schöne junge Rebekka kam, da war es, wie wenn er nur auf sie gewartet, ja geradezu um ihr Erscheinen gebetet hätte. Er bat sie um einen Schluck Wasser aus ihrem Wasserkrug, und sie hat ihm auch noch Wasser für seine Kamele in die Tränkrinne geschüttet.

Und dann hat er überraschend als Dank die große Schmuckschatulle aufgemacht. Goldene Nasenringe und Armspangen, ich weiß nicht, wie viele Schekel schwer, vielleicht auch noch Stirnschmuck und Knöchelringe, auf jeden Fall so wertvoll, dass dem Mädel unter allen Umständen die Augen übergingen. Und dann fiel der Mann auch noch gleich auf die Knie und pries laut und überschwänglich den Herrn. Da hat die verschreckte Rebekka gleich ihren weißen Schleier noch ein bisschen dichter vor das Gesicht gezogen und rannte zu ihren Eltern.

Und dann kam der große Bruder Laban, und als alle Neugierigen schon dachten, jetzt gibt’s hier ein Mordsspektakel, da war die Überraschung groß: Der Fremde stellte sich artig vor als ein Abgesandter Abrahams, der extra gekommen war, um für dessen Sohn eine Braut aus dem Land seiner Väter zu holen, so wie es ihm Gott im Übrigen verheißen hat. Und man wurde sich ganz rasch handelseinig. Schon am nächsten Morgen folgte die Auserwählte mit ihrer Amme und ihren Mägden und ein paar Freundinnen dem Brautwerber auf die lange, lange Reise, nachdem man sie entsprechend gesegnet und mit den besten Wünschen versehen hatte. „Du, unsere Schwester“, so heißt der Segenswunsch, „werde die Mutter von tausendmal zehntausend; deine Nachkommen sollen besetzen das Tor ihrer Feinde.“ Na ja, und den Rest, den wissen Sie.

Danke Ihnen, Frau Bongers. Der Brautzug, also der mit Rebekka – mit der verschleierten Rebekka, versteht sich –, ist jetzt fast angelangt da, wo dann das Verbindende passiert. Abraham sitzt auf einem wunderbar ausgestatteten Sitz mit Fellen. Er wird dann das Paar segnen. Segnen heißt: Er wird die Hände über ihre Köpfe halten, er wird ihnen Öl auf das Haupt streichen, und er wird ihnen sagen: Ihr seid verbunden – so etwas Ähnliches wie „in guten und in schlechten Tagen“. Auf jeden Fall ein Bund fürs Leben.

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