CD-Cover „Hier spricht Radio Tyrus“, Volume 6: Salomo und die Königin von Saba

Salomo und die Königin von Saba

Live-Sendung aus Anlass eines Staatsbesuchs im Jahre 950 v. Chr.

Hörprobe „Das Urteil des Salomo“

0:00 / 4:33
Schauplatz
Jerusalem
Zeit
950 v. Chr.
Beiträge
18 Titel

Worum es geht

Jerusalem im Jahre 950 vor Christus. Begleitet von einer Handelskarawane mit unermesslichen Reichtümern ist die sagenhafte Königin von Saba in der Hauptstadt des neuen israelitischen Grossreichs eingetroffen. Ein Staatsbesuch der Superlative: Die Herrscherin des fernen arabischen Sabäer-Reiches gilt als eine der schönsten Frauen jener Tageund ihre Karawanen beherrschen den Handel aus Afrika und dem Fernen Osten.

Doch auch der Gastgeber wird von seinen Zeitgenossen bewundert: König Salomo hat von seinem Vater David ein orientalisches Großreich geerbt. Ein Monopol auf wichige Handelsrouten und Rüstungsexporte haben ihm unermesslichen Reichtum beschert. Der König ist ein hochgebildeter Mann und macht grosse Anstrengungen, das frühere Nomadenvolk an den Kulturstand der grossen Zivilisationen heranzuführen. Dem alten Nationalgott der Israeliten hat er einen herrlichen Tempel gebaut. Die Hauptstadt wurde mit prunkvollen Palastbauten ausgestattet. Die Militärherrschaft seines Vaters David hat Salomo durch eine diplomatische Heiratspolitik ersetzt. Auch die fremde Königin scheint dem Charme ihres Gastgebers zu erliegen.

Sein Glanz überstrahlt die Jahrtausende. Auch wer viele andere Gestalten der biblischen Geschichten längst nicht mehr im Gedächtnis hat, kennt noch den Namen des großen Königs Salomo. Er baute den berühmten Tempel in Jerusalem. Und sprichwörtlich geworden sind seine sagenhafte Weisheit wie sein märchenhafter Reichtum und Luxus.

Nur einmal in seiner dreitausendjährigen Geschichte hat das Volk der Juden für eine kurze Zeit den Rang eines orientalischen Großreichs besessen. Nur einmal stand ein König an seiner Spitze, der sich in Macht, Reichtum und Bildung mit den großen Fürsten der alten Welt messen konnte. Kein Wunder, dass diese Epoche schwärmerisch verklärt wurde, als Einheit und Wohlstand schon bald verloren waren, und das Volk der Juden wieder als Spielball der Großmächte um sein Überleben kämpfen musste.

Spätere Generationen malen das Bild eines „Goldenen Zeitalters“: „So war der König Salomo größer an Reichtum und Weisheit als alle Könige auf Erden. Und jedermann brachte ihm jährlich Geschenke, silberne und goldene Geräte, Kleider und Waffen, exotische Gewürze, Rosse und Maultiere. Und der König brachte es dahin, dass es in Jerusalem so viel Silber gab wie Steine und so viel Zedernholz wie wilde Feigenbäume in den Tälern...“ Der Bericht vom Besuch der exotischen Königin aus dem fernen Weihrauchland von Saba versammelt den ganzen Märchenglanz dieser Epoche auf einen Punkt: Reichtum und Macht, Weisheit und Schönheit, Luxus und Erotik - eine Begegnung, die bis heute die Phantasie der Menschen bewegt.

Dass dieser ganze Reichtum vom einfachen Volk mit unerträglichen Lasten erkauft wurde – das hat die Nachwelt vielfach verdrängt. Und der Glanz währte nur ein Menschenleben lang. Als Salomo starb, zerfiel sein Reich und das Volk Israel spaltete sich in zwei rivalisierende Kleinstaaten. Tausend Jahre nach Salomo setzte dann ein einfacher Wanderprediger aus Nazareth der verklärten Erinnerung seine eigene Vision vom einfachen Leben entgegen: „Seht die Lilien auf dem Felde an wie sie wachsen. Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Und doch sage ich euch: Selbst Salomo in aller seiner Pracht ist nicht gekleidet gewesen wie eine von ihnen.“

Pressestimme

So präsentiert sich also beispielsweise das Treffen von König Salomo mit der Königin von Saba, als wär’s ein Staatsbesuch von heute: in Live-Einstiegen von den Schauplätzen der Begegnung, Expertendiskussionen und Hintergrundberichten aller Art – all das sorgsam recherchiert auf dem Boden heutigen Wissens, wie es damals gewesen sein könnte.

Die Presse, „Wenn Bücher klingen“, 2000

Hörprobe zum Nachlesen: „Das Urteil des Salomo“

Textfassung der Hörprobe (4:33 Min.). Maschinell transkribiert und redaktionell überarbeitet; einzelne Namen und Wendungen können vom gesprochenen Original abweichen.

Textfassung anzeigen

Man hört immer wieder von Salomos Würde und von seiner Weisheit. Besonders im Zusammenhang mit juristisch verzwickten Situationen spricht man schon sozusagen mit einem geflügelten Wort von den salomonischen Urteilen. Eigentlich sprechen, wie auch bei uns hier in Phönizien, die Ältesten im Rat das Recht bei Streitigkeiten. Aber wenn es besonders knifflig wird in Jerusalem, dann kommt eben Salomo selber zum Zuge. Dies ist eine öffentliche Veranstaltung, findet statt hinter dem Stadttor, da gibt es einen großen, schattigen Raum. Publikum ist nicht nur zugelassen, sondern auch erwünscht. Michael Clausing, das ist unser Reporter, ist dabei.

Ja, und die Gerichtsverhandlung, die ist hier schon in vollem Gange. Das heißt, im Moment tragen die beiden Frauen gerade ihre Klage vor – wobei „vortragen“ eigentlich die falsche Bezeichnung ist, „vorschreien“ trifft es wahrscheinlich besser. Die Klage hallt förmlich von den Wänden dieses Hofes. Natürlich richtet hier nur in besonderen Fällen der König, entweder da, wo seine Interessen direkt betroffen sind, oder bei besonders komplizierten Anklagen, und das trifft heute durchaus zu. Dieser Fall heute, der scheint mir gut geeignet, seine sprichwörtliche Weisheit unter Beweis zu stellen, sozusagen wie bestellt.

Also, es geht um zwei Frauen, die beide etwa zur gleichen Zeit entbunden haben, und zwar in derselben Kammer. Das klingt auf den ersten Blick natürlich seltsam, erklärt sich aber aus der Tatsache, dass es sich bei den beiden um Damen der, sagen wir mal, etwas leichteren Art handelt. Es scheinen schwierige Geburtsumstände gewesen zu sein, und in der Tat hat auch nur einer der beiden Säuglinge überlebt. Die Mutter, die am Morgen dann ihr Kind tot im Arm fand, die klagt nun die andere Frau an, die Kinder vertauscht zu haben.

König Salomo, der sitzt etwas erhöht auf einem Richterstuhl. Er ist sehr üppig mit Pelzen ausgekleidet. Er hört schon die ganze Zeit sehr konzentriert zu. Das eigentliche Verhör, das führt einer seiner Beamten. Und man hat den Eindruck, dass der König die beiden Frauen sehr genau beobachtet. Ihm scheint hier wirklich nichts zu entgehen. Das Verhör ist offenbar fast zu Ende. Gleich wird das Urteil verkündet, auf das alle heute natürlich besonders gespannt warten.

Vielleicht noch ein Wort zur Königin von Saba. Bei ihr geraten die Männer ja jedes Mal ins Schwärmen. Allzu oft bekommen sie hier ja natürlich auch keine unverschleierte Frau außer der eigenen zu Gesicht. Sie sitzt sehr hoheitsvoll in ihrer Loge, in die sie Salomo vorhin geführt hat. Ihren Kopf hält sie immer etwas gebeugt, eine sehr wohl einstudierte Geste, macht ein nachdenkliches Gesicht. Jetzt schaut sie auf ihre gefalteten Hände.

Ah, ich glaube, es ist Zeit für das Urteil. König Salomo ist aufgestanden, ruft mit einer großartigen Handbewegung die beiden Frauen zu sich. Ja, jetzt ruft er einen Soldaten heran. Der nimmt das Kind an sich und hat dabei sein Schwert gezogen. Salomo sagt, wenn keine der beiden Frauen nachgibt, dann würde er das Kind einfach teilen lassen – das heißt, mit einem Schwert halbieren. Oje, ich sehe viele entsetzte Gesichter. Die Leute haben sich wohl gedacht, dass es heute ein besonderes Verfahren geben würde, schon allein wegen der Königin, aber mit so einem radikalen Urteil hat hier wohl niemand gerechnet. Einen Moment noch atemlose Stille. Die Leute reden jetzt aufgeregt aufeinander ein. Auch die Königin von Saba scheint mir erschreckt zu sein. Sie hat ganz gegen ihre Gewohnheit einen Schleier vor das Gesicht geschlagen.

Die Klägerin hat ihre Faust gereckt. Sie stimmt dem Urteil offensichtlich zu. Die andere Frau hat die Hände vor das Gesicht geschlagen. Jetzt macht sie eine erregte Handbewegung zu ihrer Gegnerin hin, will offenbar das Kind lieber dieser Frau überlassen. Vor dem Richterstuhl sind inzwischen erregte Menschen zusammengelaufen. Sie bitten den König offenbar um Milde. Der geht jetzt zu dem Kind hin, nimmt es an sich, geht auf die Frau zu, die verzichtet hat, und legt ihr den Säugling in die Arme. Er sagt: Wahre Liebe siegt. Er führt aus, dass man manchmal auch auf etwas verzichten muss, und dass dann etwas dabei herauskommt. Die Menge ist unglaublich begeistert. Die Königin von Saba hat ihren Schleier wieder zurückgeschlagen. Auch sie applaudiert, sehr vornehm. Respekt von allen Seiten für König Salomo – offenbar darf die Weisheit auch mal mit Tricks arbeiten.

Michael, ich danke Ihnen sehr für diese beeindruckende Schilderung eines, ich sag mal, trickreichen Urteils. Aber er hat geschafft, was zu schaffen war.

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