Man hört immer wieder von Salomos Würde und von seiner Weisheit. Besonders im Zusammenhang mit juristisch verzwickten Situationen spricht man schon sozusagen mit einem geflügelten Wort von den salomonischen Urteilen. Eigentlich sprechen, wie auch bei uns hier in Phönizien, die Ältesten im Rat das Recht bei Streitigkeiten. Aber wenn es besonders knifflig wird in Jerusalem, dann kommt eben Salomo selber zum Zuge. Dies ist eine öffentliche Veranstaltung, findet statt hinter dem Stadttor, da gibt es einen großen, schattigen Raum. Publikum ist nicht nur zugelassen, sondern auch erwünscht. Michael Clausing, das ist unser Reporter, ist dabei.
Ja, und die Gerichtsverhandlung, die ist hier schon in vollem Gange. Das heißt, im Moment tragen die beiden Frauen gerade ihre Klage vor – wobei „vortragen“ eigentlich die falsche Bezeichnung ist, „vorschreien“ trifft es wahrscheinlich besser. Die Klage hallt förmlich von den Wänden dieses Hofes. Natürlich richtet hier nur in besonderen Fällen der König, entweder da, wo seine Interessen entweder direkt betroffen sind, oder bei besonders komplizierten Anklagen, und das trifft heute durchaus zu. Dieser Fall heute, der scheint mir gut geeignet, seine sprichwörtliche Weisheit unter Beweis zu stellen, sozusagen wie bestellt.
Also, es geht um zwei Frauen, die beide etwa zur gleichen Zeit entbunden haben, und zwar in derselben Kammer. Das klingt auf den ersten Blick natürlich seltsam, erklärt sich aber aus der Tatsache, dass es sich bei den beiden um Damen der, sagen wir mal, etwas leichteren Art handelt. Es scheinen schwierige Geburtsumstände gewesen zu sein, und in der Tat hat auch nur einer der beiden Säuglinge überlebt. Die Mutter, die am Morgen dann ihr Kind tot in den Arm fand, die klagt nun die andere Frau an, die Kinder vertauscht zu haben.
Salomo, König Salomo, der sitzt etwas erhöht auf einem Richterstuhl. Der ist sehr üppig mit Pelzen ausgekleidet. Er hört schon die ganze Zeit sehr konzentriert zu. Das eigentliche Verhör, das führt einer seiner Beamten. Und man hat den Eindruck, dass der König die beiden Frauen sehr genau beobachtet. Ihm scheint hier wirklich nichts zu entgehen. Das Verhör ist offenbar fast zu Ende. Gleich wird das Urteil verkündet, auf das alle heute natürlich besonders gespannt warten.
Vielleicht noch ein Wort zur Königin von Saba. Bei ihr geraten die Männer ja jedes Mal ins Schwärmen. Allzu oft bekommen sie hier ja natürlich auch keine unverschleierte Frau außer der eigenen zu Gesicht. Sie sitzt sehr hoheitsvoll in ihrer Loge, in die sie Salomo vorhin geführt hat. Ihren Kopf hält sie immer etwas gebeugt, eine sehr wohl einstudierte Geste, macht ein nachdenkliches Gesicht. Jetzt schaut sie auf ihre gefalteten Hände.
Ah, ich glaube, es ist Zeit für das Urteil. König Salomo ist aufgestanden, ruft mit einer großartigen Handbewegung die beiden Frauen zu sich. Ja, jetzt ruft er einen Soldaten heran. Der nimmt das Kind an sich und hat dabei sein Schwert gezogen. Salomo sagt, wenn keine der beiden Frauen nachgibt, dann würde er das Kind einfach teilen lassen – das heißt, mit einem Schwert halbieren. Oje, ich sehe viele entsetzte Gesichter. Na ja, die Leute haben sich wohl gedacht, dass es heute ein besonderes Verfahren geben würde, schon allein wegen der Königin, aber mit so einem radikalen Urteil hat hier wohl niemand gerechnet. Im Moment noch eine atemlose Stille. Die Leute reden jetzt aufgeregt aufeinander ein. Auch die Königin von Saba scheint mir erschreckt zu sein. Sie hat ganz gegen ihre Gewohnheit einen Schleier vor das Gesicht geschlagen.
Die Klägerin hat ihre Faust gereckt. Sie stimmt dem Urteil offensichtlich zu. Die andere Frau hat die Hände vor das Gesicht geschlagen. Jetzt macht sie eine erregte Handbewegung zu ihrer Gegnerin hin, will offenbar das Kind lieber dieser Frau überlassen. Vor dem Richterstuhl sind inzwischen erregte Menschen zusammengelaufen. Sie bitten den König offenbar um Milde. Der geht jetzt zu dem Kind hin, nimmt es an sich, geht auf die Frau zu, die verzichtet hat, ja, und legt ihr den Säugling in die Arme. Er sagt: Wahre Liebe siegt. Er führt aus, dass man manchmal auf etwas verzichten muss und das dann rauskommt [Wortlaut unsicher]. Die Menge ist unglaublich begeistert. Die Königin von Saba hat ihren Schleier wieder zurückgeschlagen. Auch sie applaudiert, sehr vornehm. Respekt von allen Seiten für König Salomo – offenbar darf die Weisheit auch mal mit Tricks arbeiten.
Michael, ich danke Ihnen sehr für diese beeindruckende Schilderung eines, ich sag mal, trickreichen Urteils. Aber er hat geschafft, was zu schaffen war.