Der Wundertäter

Drei Radiosendungen aus der frühen Wirkungszeit des Predigers Jesus von Nazareth

Kurzfilm „Die Hochzeit zu Kana“ 3:45 Min. · mit Untertiteln

Bilder KI-generiert, angelehnt an die Vorlagen im CD-Beiheft (Blick über den See Genezareth, Dorf-Federzeichnung, Wohnquartier in Kapernaum). Ton: Original-Hörprobe.

Nur Ton anhören

Hörprobe „Die Hochzeit zu Kana“

0:00 / 3:34
Schauplatz
Galiläa
Zeit
um 28 n. Chr.
Beiträge
19 Titel
Gesendet
Karfreitag 1999, dreistündiges Programm im Stadtradio BERLIN 88,8 des Senders Freies Berlin

Worum es geht

Ein Wanderprediger aus einem abgelegenen Bergdorf zieht durch Galiläa, heilt Kranke und sitzt mit Zöllnern und Sündern an einem Tisch. In drei Sendungen gehen die Reporter den Wundergeschichten nach – von der Hochzeit zu Kana über den wunderbaren Fischzug bis nach Kapernaum – und fragen, was Heiler, Ärzte und Kritiker über diesen Rabbi denken.

Ausführlicher Hintergrund: die Texte aus dem CD-Beiheft

Pressestimme

Die Produzenten der CD sind nicht etwa Kirchenleute oder Theologen, sondern Journalisten, Autoren und Kritiker, die in dieser Form schon seit 1973 eine Welt lebendig machen, die seit Jahrtausenden vergangen ist: die Bibel.

hoerOthek.de

Begleitheft zur CD · Vol. 4

Aus dem Beiheft

Die Begleittexte und Abbildungen aus dem gedruckten Heft zur CD „Der Wundertäter“. Der Wortlaut folgt dem Heft einschließlich seiner Schreibweisen; nur die Typografie wurde vereinheitlicht und offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.

Kapitel 1 Jesus von Nazareth – Gestalt und Geschichte

„Die Zeit ist am Ziel und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Kehrt um zu Gott und glaubt an das Evangelium!“ – Mit diesen Worten tritt vor etwa 2000 Jahren ein Mann ins Licht der Weltgeschichte, der dafür wohl die allerschlechtesten Voraussetzungen mitbringt: Angehöriger eines verachteten Volkes in einem besetzten Land an der fernen Peripherie des Römischen Weltreichs. Sohn einer Handwerkersippe aus einem winzigen und abgelegenen Bergdorf.

Für eine kurze Zeit zieht er predigend durch ein ländliches Gebiet von kaum mehr als drei Tageswanderungen im Umkreis und sammelt ein Dutzend Schüler – Leute aus einfachen Verhältnissen wie er selbst. Das Volk verehrt ihn als einen Propheten, denn er predigt aus innerer religiöser Vollmacht und nicht wie die beamteten Sachwalter ihrer Religion. Die fühlen sich bald durch seine wachsende Popularität bedroht. Und als der unorthodoxe Prediger es schließlich wagt, das zentrale Heiligtum in der Hauptstadt aufzusuchen, finden sie einen Vorwand, ihn von der Besatzungsmacht hinrichten zu lassen.

Während seiner kurzen Wirksamkeit hat der Prediger immer betont: Seine Botschaft sei wie ein Samenkorn. Einmal in die Herzen der Menschen ausgestreut, sei das Wachstum nicht mehr aufzuhalten. Das bewahrheitet sich nach seinem Tode auf eine erstaunliche Weise. In der Wirksamkeit seiner Anhänger zeigt der Hingerichtete immer wieder neu, wie lebendig und gegenwärtig er den Menschen ist – bis heute.

Dahinter scheint das historische Leben des Jesus von Nazareth manchmal fast ganz aus dem Blick zu verschwinden. Die in der christlichen Bibel überlieferten Texte waren ja nach ihrer Auswahl und Erzählweise vor allem dazu bestimmt, den frühen christlichen Gemeinden als Predigt- und Erbauungsliteratur zu dienen. In neuerer Zeit hatte man deshalb lange den Eindruck, über die historische Person Jesu ließe sich überhaupt nichts Sicheres mehr feststellen.

Es waren vor allem jüdische Forscher, die nachgewiesen haben, wie stark die biblische Gestalt des Mannes aus Nazareth wieder historisches Profil gewinnt, wenn man sie in das geschichtliche Umfeld des Judentums jener Zeit zurückversetzt. Dieser neuen Sehweise verdanken wir den Stoff unserer Sendungen.

Radierung in Schwarzbraun: In der Mitte steht Jesus mit Lichtschein um den Kopf und erhobener Hand vor einem dunklen Hintergrund; links drängen sich Männer mit Turbanen und Mützen, im Vordergrund liegen und knien Kranke und Gebrechliche, rechts eine Gruppe Bittender.

Kapitel 2 Galiläa – die Heimat des Jesus von Nazareth

Zur Zeit des Jesus von Nazareth leben die Juden Palästinas in zwei voneinander getrennten Siedlungsgebieten. Der Hauptteil wohnt in der südlich gelegenen Provinz Judäa rings um die traditionelle Hauptstadt Jerusalem. Im Norden, abgetrennt durch das feindliche Gebiet der Samariter, liegt das Bergland von Galiläa, die Heimat des Jesus von Nazareth. Seit dem Tode des großen Königs Herodes sind beide Landesteile auch politisch getrennt: Judäa wird nach der Absetzung eines unfähigen Herodes-Erben von einem Römischen Gouverneur verwaltet. Als Jesus öffentlich auftritt, ist das der Römische Ritter Pontius Pilatus.

In Galiläa herrscht Herodes Antipas, ein anderer Sohn des großen Königs. Zur Zeit Jesu macht er durch eine ungewöhnliche Affäre von sich reden: Bei einem Besuch in Rom hat er sich in seine Schwägerin Herodias verliebt und sie Hals über Kopf geheiratet. Die Kritik an diesem Fehltritt wird später den Bußprediger und Täufer Johannes das Leben kosten.

Galiläa liegt als ein geschlossenes Bergland am Fuß des Libanon-Gebirges. Im Osten bildet der tiefe Einschnitt des Jordangrabens mit dem See Genezareth eine natürliche Grenze. Im Westen liegt die Phönizische Küstenebene um die Städte Tyrus und Ptolemais, im Süden die griechisch besiedelte fruchtbare Ebene von Jesreel.

Historische Karte Palästinas zur Zeit Jesu vom Libanon bis zum Toten Meer. Beschreibung siehe Text unter der Karte.
Palästina zur Zeit des Jesus von Nazareth
Kartenbeschreibung

Die Karte zeigt den Küstenstreifen am Mittelmeer (Wellenschraffur am linken Rand) und das Binnenland bis östlich des Jordans. Der Jordan verbindet den See Genezareth im Norden mit dem Toten Meer im Süden.

Im Norden: Sidon und Tyrus an der Küste in Phönizien, landeinwärts der Libanon, Ituräa mit Cäsarea Philippi und oben rechts Damaskus.

Galiläa mit Ptolemais an der Küste, Sepporis, Kana, Nazareth und Nain; am See Genezareth Chorazin, Magdala, Kapernaum, Tiberias und Gergesa.

Weiter südlich Cäsarea an der Küste, Samarien mit Samaria und Sychar, östlich des Jordans die Dekapolis und Peräa.

Judäa mit Japho, Emmaus, Gaza, Jerusalem, Bethanien, Bethlehem, Jericho und Qumran am Toten Meer; ganz im Süden Idumäa und Masada. Unten rechts ein Maßstab von 10 bis 50 Kilometern, unten links der Kartentitel „Palästina zur Zeit des Jesus von Nazareth“.

Galiläa ist ein überschaubares Gebiet, nur rund 40 km im Durchmesser – damals waren das kaum mehr als drei Tageswanderungen. Die Hauptwirksamkeit Jesu beschränkte sich auf seine engere Heimat im Süden: Ein reiches und fruchtbares Hügelland, dicht übersät mit Ortschaften. Viele waren kleine Dörfer mit bis zu 500 Bewohnern. Landstädte wie Kapernaum zählten einige tausend Bürger. Die drei modernen Großstädte der Region hat Jesus gemieden: Das reiche jüdische Sepporis bei Nazareth, den mondänen Kurort Magdala und die zu Ehren des Kaisers von Rom erbaute Residenzstadt Tiberias am See Genezareth.

Die einfachen Landbewohner Galiläas galten den Frommen jener Zeit als religiöse Hinterwäldler. Man bewunderte ihre Standfestigkeit in Verfolgungszeiten. Zugleich aber blickte man auf ihre Frömmigkeit herab, denn sie nahmen es mit den unzähligen religiösen Verhaltensvorschriften jener Tage nicht so genau. Jesus wandte sich mit seiner Botschaft vor allem an diese Menschen und er wurde von ihnen bald als „Prophet von Galiläa“ verehrt. Das musste ihn den Glaubenswächtern in Jerusalem verdächtig machen.

Der Römischen Besatzungsmacht galten die Bewohner Galiläas als ein Rebellenvolk. Immer wieder mussten Aufstände unterdrückt werden. Der letzte fand statt, als Jesus etwa 15 Jahre alt war. Der damalige Anführer „Judas der Galiläer“ hatte sich als „Messias“ feiern lassen. Nun versammelten seine Söhne in den Bergen die Widerstandsgruppe der „Zeloten“. Auch einer der Jünger Jesu stammte aus ihren Kreisen.

Schwarzweißfoto: Blick über eine weite Wasserfläche auf flache, lang gestreckte Berge am Horizont; im Vordergrund dunkle Bäume und Gebüsch an einem Uferhang.
Blick über den See Genezareth auf die Berge von Galiläa.

Kapitel 3 Was kann aus einem Nest wie Nazareth schon Gutes kommen?

Ein begeisterter Jesus-Anhänger erzählt seinem Freund, er habe den erwarteten Messias gefunden: Jesus, den Sohn Josephs aus Nazareth. Dieser voller Skepsis: Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen? Der Mann wusste, wovon er sprach. Sein Heimatdorf Kana lag nur 14 km von Nazareth entfernt.

Jesus stammt aus einer Umgebung, die man sich ärmlicher und unbedeutender kaum vorstellen kann: Ein Bergdorf mit vielleicht 150 Einwohnern abseits der Verkehrswege. Wer die kleine, durch eine Quelle bewässerte Talsenke von Nazareth über steile Maultierpfade erreicht, hat Mühe, den Ort zu erkennen: Die Hütten und Höhlenwohnungen sind in den Hang hineingebaut und unterscheiden sich kaum vom Kalkstein-Geröll der Umgebung. Kein markanter Punkt, selbst die Dorfsynagoge ist nicht mehr als ein bescheidenes Bethaus.

Federzeichnung in Schwarz: Ein Hang mit in den Fels gebauten, gewölbten Steinhütten und Höhleneingängen; rechts vor einer Hütte zwei Gestalten in langen Gewändern, eine trägt ein Bündel.

Die Mehrzahl der Dorfbewohner sind kleine Bauern, die ihre Erträge auf den Märkten der nahen Städte Sepporis und Jafia anbieten. Jesus wächst in einer Großfamilie dörflicher Bauhandwerker auf. Neben der Mutter und anderen Verwandten gehören vier Brüder und mehrere Schwestern dazu. Der Vater ist anscheinend früh gestorben. Zur damaligen Zeit lebte eine solche Großfamilie auf unglaublich engem Raum zusammen – zum Teil noch gemeinsam mit den Haustieren.

Jesus hat vor seinem öffentlichen Auftreten viele Jahre im Beruf gestanden. Die Arbeit als Zimmermann war ein Wanderberuf und gab ihm Gelegenheit, die Lebenskenntnis zu erwerben, die aus seinem Reden und Handeln spricht. Die jüdische Tradition kennt viele Schriftgelehrte, die ein Handwerk gelernt haben. Die Basis der religiösen Bildung erwarb man in der Familie und auf der dörflichen Synagogenschule. Später schloss man sich für eine Zeit bekannten Thoralehrern als „Jünger“ an.

Die Bibel schweigt über den Werdegang Jesu. Nach einer Legende soll er schon als Junge die Tempelgelehrten in Jerusalem durch seine Thorakenntnisse in Erstaunen versetzt haben. Die enge Beziehung zu Johannes dem Täufer lässt vermuten, Jesus sei eine Zeitlang dessen Schüler gewesen. Vor seinem Auftreten ist er wohl seiner Familie und seinem Heimatort Nazareth für längere Zeit ferngeblieben. Als er dort zum erstenmal wieder einen Gottesdienst besucht, nehmen ihm die Dorfbewohner seine neue Propheten-Rolle nicht ab und wollen ihn als Gotteslästerer zu Tode steinigen.

Zerrüttet ist zu dieser Zeit wohl auch schon das Verhältnis zur eigenen Familie. Die Bibel berichtet: Mutter und Brüder hatten Jesus als Verrückten nach Hause holen wollen, weil er seiner Familie Schande machte. Jesus habe dagegen auf die Schar seiner neuen Anhänger verwiesen: Diese seien für ihn jetzt seine wahre Mutter und seine wahren Brüder.

Die schriftliche Überlieferung sagt nichts über das Aussehen des Mannes aus Nazareth. Es wird sich nicht von dem seiner Landsleute unterschieden haben, das hätte seinen Feinden Gelegenheit zur Polemik gegeben. Die Galiläer jener Tage waren braunhäutig, sie trugen einen Bart und schulterlange schwarze Haare. Jesu Kleidung war wohl betont schlicht: Ein durchgewebtes Untergewand wie bei einem Priester. Darüber der gegürtete Mantel, den der einfache Mann auch als Schlafdecke benutzte.

Die Alltagssprache des Mannes aus Nazareth war der auffällige aramäische Dialekt der Galiläer. Er beherrschte das biblische Hebräisch und konnte sich wohl auch in der griechischen Weltsprache verständigen.

Kapitel 4 Kapernaum – „seine“ Stadt

Braune Federzeichnung eines rechteckigen Steinbaus mit Satteldach, Bogenfenster in der Giebelfront, Säulenfassade und angebautem Hof mit Säulengang, auf einem gestuften Sockel.
Die Synagoge von Kapernaum. Rekonstruktion eines Baus aus dem 5. Jhdt. Die Fundamente stammen noch aus der Zeit Jesu.

Das öffentliche Auftreten des Jesus von Nazareth beginnt mit seiner Taufe im Jordan – vielleicht nicht weit von seiner Heimatregion Galiläa am See Genezareth entfernt. Seine ersten Anhänger sind Fischer. Zum Zentrum seiner Wirksamkeit macht er das Städtchen Kapernaum am Nordrand des Sees. Hier predigt er am Sabbat in der Synagoge und macht durch aufsehenerregende Heilungen auf sich aufmerksam. Hierhin kehrt er immer wieder von seinen Predigtreisen in Galiläa zurück.

Die Ufer des „Galiläischen Meeres“ sind zu Jesu Zeit dicht besiedelt. Der schmale Küstenstreifen vor den steil ansteigenden galiläischen Bergen ist fruchtbar, der See ist fischreich, warme Quellen ziehen Kranke und Kurgäste an. So gibt es moderne Großstädte, die mit ihren Bädern, Palästen und Theatern ganz von der römisch-hellenischen Kultur geprägt sind. Darüberhinaus auch viele Orte, in denen das Leben noch nach herkömmlicher jüdischer Sitte abläuft.

Im Mittelpunkt steht die Synagoge, in der sich die Juden am Sabbat und oft auch an anderen Tagen der Woche zu Schriftlesung und Gebet versammeln.

Die Synagoge von Kapernaum stand auf einem erhöhten Platz im Ortszentrum. Archäologen haben die Reste eines Baus aus dem 5.Jhdt. ausgegraben und darunter die Grundmauern der Synagoge freigelegt, in der Jesus einst gepredigt hat. Am Ende des Gottesdienstes kann jeder erwachsene Jude das Wort zu einer Schriftauslegung ergreifen. Hier beginnt Jesus mit der Verkündigung seiner Botschaft, die einmal die ganze religiöse Welt verändern soll. Nicht lange betrachteten das die örtlichen Honoratioren als eine Ehre. Später nahmen sie Anstoß an seiner „eigenmächtigen“ Schriftauslegung und an seinem Umgang mit den Ausgestoßenen der Gesellschaft.

Kapernaum lag am Nordrand des Sees Genezareth an einer wichtigen Verkehrsader. Sie führte nahe der Stadt über den Jordan ins Herrschaftsgebiet des Tetrarchen Philippus – ein weiterer Sohn des großen Herodes. So war Kapernaum Sitz eines Zollpächters, der im Auftrag des Landesherrn Steuern und Zölle erhob. Weil dies auf eigene Rechnung und oft willkürlich und am Rand der Legalität geschah, waren die Zöllner in der Bevölkerung verhasst und galten als unbekehrbare „Sünder“. Es musste in Kapernaum Anstoß erregen, wenn ein Thoralehrer wie Jesus im Haus des Zollpächters Matthäus verkehrte und diesen als Jünger in seine Gefolgschaft aufnahm.

Während seines Aufenthalts in Kapernaum wohnte Jesus in einer Großfamilie, die vom Fischfang lebte. Zwei der Männer dort waren seine ersten Schüler und Mitarbeiter: die Brüder Simon Petrus und Andreas. Sie gaben Arbeit und Familie auf, um Jesus nachzufolgen. Dass durch eine solche Entscheidung die Angehörigen nicht ohne Ernährer blieben, lag an den Lebens- und Produktionsverhältnissen der damaligen Zeit. Handwerk und Gewerbe wurden im großen Familienverband betrieben.

Braune Federzeichnung aus der Vogelschau: Ein über Eck gestelltes, geschlossenes Häuserquartier mit vielen kleinen, aneinandergebauten Räumen und Innenhöfen ohne Dächer.
Wohnquartier im antiken Kapernaum.

Ausgrabungen im antiken Kapernaum machen anschaulich, wie solche Großfamilien zusammenlebten: Ein geschlossenes Quartier mit verschachtelten Hütten und Höfen, in dem dicht gedrängt etwa 100 Menschen wohnten. In solch einfachen Verhältnissen müssen wir uns Jesus und seine Jünger vorstellen.

Vielleicht wegen seiner strategischen Lage war Kapernaum auch Sitz eines Römischen Militärpostens. Nach der Bibel war der Hauptmann ein Anhänger der jüdischen Religion und hatte dem Ort die Synagoge gebaut. Als einer seiner Knechte krank wurde, bat er Jesus um Hilfe. Anders als die Leute von Kapernaum zeigte dieser Fremde dabei so viel Zutrauen in Jesu Vollmacht, dass er die Heilung mit den Worten kommentierte: Wahrlich, solch einen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden!

Schwarzweißfoto eines Steinreliefs: Jesus mit Kreuznimbus streckt die rechte Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger zum Mund eines Mannes rechts, über dem ein geflügeltes Wesen davonfliegt; links stehen Männer mit Kappen, einer hält einen Stab mit dem Christusmonogramm; im Hintergrund ein Schachbrettmuster.

Kapitel 5 Der Wundertäter

Wunderheilungen haben im aufgeklärten Denken unserer Zeit etwas Anrüchiges. Noch viel mehr gilt das für die Vorstellung, Menschen seien von bösen Geistern besessen und könnten durch eine Dämonenaustreibung von ihnen befreit werden. Wir haben gelernt, dass körperliche und seelische Krankheiten ihre natürlichen Ursachen haben und verlassen uns auf rationale Mittel und Methoden, um kranke Menschen zu versorgen und zu heilen.

Auch schon zur Zeit Jesu gab es eine hochentwickelte Medizin. Eben hatte der Autor Aulus Cornelius Celsus das gesamte ärztliche Wissen der Zeit in acht Bänden zusammengefasst, die noch im Mittelalter als Standardwerk galten. Aber diese Medizin stand nur den Privilegierten zur Verfügung. Im armen Volk starb man früh und hatte gelernt, Krankheiten und Seuchen, Behinderung und seelische Entstellung als Heimsuchung Gottes und als Folge einer verborgenen Schuld zu betrachten. Zum Leiden unter Krankheit und Verkrüppelung trat das Bewusstsein, von Gott verstoßen und aus der Gemeinschaft der Menschen ausgeschlossen zu sein.

Das galt im übertragenen Sinne auch für die arme jüdische Landbevölkerung in Galiläa, aus der der Prediger Jesus von Nazareth stammte, und an die er sich mit seiner Botschaft wandte: Jahrhundertelange Fremdherrschaft und Ausbeutung hatten ein allgemeines Lebensgefühl von Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit hinterlassen. Der Kampf ums tägliche Überleben ließ es den Menschen unmöglich erscheinen, jemals den Stand frommer „Gerechtigkeit“ zu erreichen, den die jüdischen Autoritäten als religiöse Norm aufgerichtet hatten.

Jesus von Nazareth muss von einer mächtigen inneren Berufung erfüllt gewesen sein, diese Hoffnungslosigkeit und Resignation zu durchbrechen. Nicht auf ein fernes Eingreifen Gottes vertröstet er die Menschen. Auf eine mitreißende und kraftvolle Weise vermittelt er ihnen in seiner eigenen Person die Gegenwart Gottes, der jedem Menschen zugewandt ist und ihm ein neues Leben und eine neue Zukunft öffnet. Nach der Logik der einfachen Leute folgt einer solchen inneren Befreiung auch die äußere Heilung – und zwar auf eine deutlich symbolische Weise: Lähmung, Taubheit und Blindheit weichen und das Leben kann wieder vorwärts gehen. Als Aussätzige Ausgestoßene werden wieder in die Gesellschaft aufgenommen. Die Geister der Besessenheit fliehen und Menschen werden von lebenslangen Zwängen befreit.

Hörprobe zum Nachlesen: „Die Hochzeit zu Kana“

Textfassung der Hörprobe (3:34 Min.), die auch den Ton des Kurzfilms bildet. Maschinell transkribiert und redaktionell überarbeitet; einzelne Namen und Wendungen können vom gesprochenen Original abweichen.

Textfassung anzeigen

Jedenfalls will ich an dieser Stelle – und ich danke Ihnen zunächst einmal – unseren Kollegen Detlev „Epikur“ Otto eine Geschichte erzählen lassen, falls er dazu inzwischen in der Lage sein sollte. Er ist ja eigentlich unser Korrespondent in Jerusalem, aber wegen seiner lädierten Gelenke fährt er immer schon mal ein bisschen in die Kurbäder an den See Genezareth. Und weil er auch schon mal „Epikur“ heißt, lässt er sich da auch nichts entgehen: Festmahl und so, da gibt es ja viel zu essen und gute Küche. Diesmal scheint es, zumindest was das Trinken angeht, doch etwas über seine Kräfte gegangen zu sein. Und das hat, man mag es nicht glauben, nun auch schon wieder mit diesem Jesus zu tun. Ich hoffe, ich habe ihn jetzt am Telefon – und auch verständlich. Detlev Epikur, sind Sie wirklich in der Lage zu berichten?

Hallo, Sie hören mich schon? Das ist ja ein bisschen derb, was Sie da sagen. Also, das Fest fängt hier an, von dem die Rede sein wird, am Dienstag. Dienstag ist der dritte Tag der Woche, und da sind jüdische Hochzeiten oft hier angesagt [Wortlaut unsicher]. Und mich hat also darauf gebracht, dorthin zu kommen, der Speisemeister – wie nennt man den? Tafelmeister – Architriklinos, ein Bekannter von mir. Der hat gesagt, das wird ein großes Fest geben. So eine jüdische Hochzeit, die dauert ungefähr so acht Tage, und es gibt also auch viel zu trinken. Und da passiert eine ganz tolle Geschichte, die ich also hoffentlich so ungefähr zusammenkriege.

Es war nämlich also plötzlich – der Wein war alle. Und da hat also eine der Frauen vom Tafeldienst, die also dort das zutragen und so, hat also gesagt: „Der Wein ist alle“ [Wortlaut unsicher] – zu ihrem Sohn, eben jenem Mann, über den ihr redet dort [Wortlaut unsicher]. Und er hat gesagt: „Ich habe gar nichts mehr zu tun [Wortlaut unsicher], meine Zeit ist nicht so weit.“ Und dann hat sie gesagt [Wortlaut unsicher] – also so erzählt mir also mein Freund, der Architriklinos –, hat gesagt: „Also macht, was er sagt.“ Und der hat gesagt: „Schöpft mal die Krüge voll.“

Und da standen also – die habe ich selber gesehen – sechs große Krüge, also große Krüge, da sind ungefähr 100 Liter drin, ja. Das müssen also dort ungefähr 600 Liter gewesen sein. Hat gesagt: „Schöpft sie mal mit Wasser voll.“ Ja. Und da sind die Krüge … Und da sind die Knechte gegangen dann und haben aus der Zisterne – einen Brunnen gibt es hier nicht –, sie haben aus der Zisterne, wo das Wasser gesammelt wird, die Krüge vollgeschöpft. Und dann haben sie das hingetragen zu dem Tischmeister [Wortlaut unsicher], meinem Freund, dem Tafelmeister. Und der hat gesagt: „Das ist ja toll, das ist ja ein hervorragender Wein.“ [unverständlich], also wir haben alle ganz schön zugelangt, gleich sofort. 600 Liter – na ja, auf 50 Personen ist das ja nicht so furchtbar viel. Das waren ja auch nicht mehr alle da. Also jedenfalls ein unglaublicher Wein.

Gibt es denn noch welchen? Ist noch Wein da? Meinen Sie, Sie könnten noch mal ein Schlückchen …

Also erzählen Sie das mal bloß nicht im Radio Tyrus jetzt. Also jetzt noch hinzurennen zu der Hochzeit, das hat keinen Zweck. Aber wir haben das nicht alles aufgeschafft. Und ich bin also – das war so ein vorzüglicher [Wortlaut unsicher] Wein. Man bekommt davon eigentlich keinen dicken Kopf, aber na ja, ein bisschen durch … [Wortlaut unsicher]

Ja, die Menge macht’s, die Menge macht’s. Lieber Detlev E. Otto, vielen lieben Dank, und vielleicht halten Sie ein kleines Schläfchen, und dann auf ein Neues.

Ich werde mich gleich aufs Ohr legen wieder. Tschüss.

Nach oben