CD-Cover „Hier spricht Radio Tyrus“, Volume 7: Joseph in Ägypten

Joseph in Ägypten

Live-Sendung aus dem Reich der Pharaonen im Jahre 1750 v. Chr.

Hörprobe „Josephs Kindheit“

0:00 / 3:42
Schauplatz
Ägypten
Zeit
1750 v. Chr.
Beiträge
19 Titel
Gesendet
Weihnachten 1999, dreistündiges Programm im Stadtradio BERLIN 88,8 des Senders Freies Berlin

Worum es geht

Nach vier Jahren Dürre ist unter den Nomaden des südlichen Kanaan eine Hungersnot ausgebrochen. Viele hungernde Sippen versuchen nach Ägypten auszuwandern, wo ein kluger Großwesir durch seine umsichtige Vorratspolitik für die Zeit der Trockenheit vorgesorgt hat. Aber die Grenzen Ägyptens sind abgeriegelt. Einzig ein Familienclan aus Hebron hat die Erlaubnis zur Einwanderung erhalten. Eingeweihte wissen: Es handelt sich um die nächsten Verwandten des ägyptischen Statthalters Zophnat-Paneach, der einmal Joseph hieß und als Sohn eines hebräischen Nomadenhäuptlings geboren wurde.

Nach Ägypten war er als Sklave gekommen, verkauft von seinen missgünstigen Brüdern. Sein Aufstieg begann mit einem Sensationsprozess: Die Frau des pharaonischen Hofgefängnischefs, dem der begabte junge Mann als Hausverwalter diente, hatte Joseph der versuchten Vergewaltigung bezichtigt. Der Prozess wurde niedergeschlagen, der Beschuldigte durfte sich als Haussklave im Gefängnis bewähren. Von dort aus macht er durch Traumdeutungen eine sensationelle Karriere und wird schließlich als Großwesir ägyptischer Regierungschef und Stellvertreter des Pharao. Schließlich gelingt es ihm sogar, seine Brüder ausfindig zu machen, die ihn einst in die Sklaverei verkauften. Er verzeiht ihnen und holt sie mit seinem Vater Jakob nach Ägypten, um sie vor dem Hungertod zu retten.

Die Geschichte vom „Träumer“ Joseph, den seine Brüder nach Ägypten verkaufen, wo er zum zweiten Mann im Staate aufsteigt und schließlich seine Familie nachholt – sie hat eine Sonderstellung unter den frühen Schriften der Bibel. Nirgendwo sonst zieht sich eine einzelne Erzählung über so viele Kapitel hin. Menschliche Schicksale werden bis in ihre seelischen Hintergründe ausgeleuchtet und in einer kunstvoll dramatischen Handlung über viele Stationen zum glücklichen Ende geführt. Während die anderen Vätergeschichten am Anfang der Bibel oft aus bruchstückhaften alten Stammeserzählungen zusammengestellt sind, hat der Leser es hier mit dem künstlerisch durchgestalteten Werk eines Dichters zu tun. Die Josephs-Geschichte der Bibel ist ein Stück großer alter Weltliteratur.

Ist also der biblische Joseph eine unhistorische Phantasiegestalt? Tatsächlich haben die Archäologen trotz intensiver Bemühungen noch kein Dokument gefunden, das die Existenz eines solchen ägyptischen Großwesirs bestätigen könnte. Man findet nicht einmal sichere Anhaltspunkte dafür, zu welcher Zeit der pharaonischen Geschichte die in der Bibel beschriebenen Vorgänge überhaupt historisch möglich gewesen wären. Wer die Josephs-Geschichte für einen Tatsachenbericht halten will, ist auf seinen Glauben angewiesen.

Dennoch würde niemand auf die Idee kommen, der unbekannte Dichter habe die Personen seines Werkes einfach erfunden. Jakob, Joseph und seine Brüder – sie sind ja die in der gesamten biblischen Tradition bekannten Stammväter Israels. Sicher hat der Verfasser viele altüberlieferte Geschichten über diese Vorfahren seines Volkes gekannt. Manche wird er auch in seine Handlung mit aufgenommen haben. Einige Forscher haben viel Scharfsinn darauf verwendet, solche „Quellenschriften“ in der Josephs-Geschichte ausfindig zu machen. Zum besseren Verständnis hat das nicht viel beigetragen. Am Besten nimmt man das kleine Kunstwerk wohl so, wie der Dichter es vor etwa 3000 Jahren aufgeschrieben hat.

Pressestimme

Was da … gebracht wurde, war nach der Konzeption so gescheit, der Dramaturgie so spannend, dem intellektuellen Niveau so souverän, dass ich von Minute zu Minute mit mehr Spannung und Entzücken zuhörte.

Peter Wapnewski, Germanist

Hörprobe zum Nachlesen: „Josephs Kindheit“

Textfassung der Hörprobe (3:42 Min.). Maschinell transkribiert und redaktionell überarbeitet; einzelne Namen und Wendungen können vom gesprochenen Original abweichen.

Textfassung anzeigen

Sie haben es gehört: Aus der Umgebung von Hebron im Süden Kanaans kommen sie, der Nomadenscheich Jakob und seine Söhne, zu denen ja auch der so hoch aufgestiegene Joseph gehört. Hebron liegt, von uns hier in Tyrus gesehen, auf halbem Wege nach Ägypten, in den Bergen südlich von Jerusalem. Und genau dort begrüße ich jetzt in unserem lokalen Studio die, na, sagen wir mal, Stadtfürstin von Hebron, Frau Ruth. Sie war sozusagen die Schutzherrin der Sippe. Auf ihrem Land hat die Familie gewohnt, auf ihren Weidegründen haben die Herden gegrast. Und wie sie mir gesagt hat, ist das ein durchaus freundschaftliches Verhältnis gewesen, Frau Ruth?

Also, ich komme aus einer alten, adeligen Familie von Hethitern, und mein Urgroßvater hat es erzählt, und mein Großvater hat es weitererzählt, wie damals ein gewisser Abraham, ein Habiru aus Mesopotamien, kam. Und meine Familie blieb dann natürlich mit der Familie von Vater zu Sohn und von Mutter zu Tochter über die Jahrhunderte befreundet. Und auch ich habe mit Sympathie – obwohl wir natürlich höhergestellt waren, aber das macht nichts – die Familie und ihre Kinder beobachtet. Also der Isaak, der Sohn des Abraham, der war so ein kleiner Schwächling, war immer krank, sehr krank. Und die Frauen – schöne Frauen haben sie alle gehabt, die haben sie von weit her geholt. Und der Sohn von dem Isaak, der Jakob, der hat eine Schönheitskönigin aus Babylon hergeholt und die geheiratet. War das eine Sensation bei uns! Und dann, dann konnte sie keine Kinder kriegen, und das ist doch bei uns furchtbar. Eine Frau, die keine Kinder kriegt – was ist die schon wert? Was soll sie denn tun?

Aber inzwischen hat er ja Kinder und Enkelkinder. Eigentlich ist eine ganze Sippe hier im Anmarsch, wenn auch die meisten dieser zwölf Söhne Jakobs nicht von dieser Lieblingsfrau sind. Zumindest Joseph war es.

Kinder hin, Kinder her: Dieser Jakob hat den Joseph, den Sohn von dieser Geliebten, dermaßen verwöhnt, dass die anderen Söhne eifersüchtig und neidisch sind. Ich habe immer gesagt, bei uns in der Familie: Das geht mal nicht gut aus.

Aber er war doch auch ein besonders begabtes Kind, das hat sich ja in Ägypten deutlich herausgestellt.

Ja, das Kind war ja ein Genie, zugegeben, und da ist er natürlich ein bisschen hochnäsig geworden und hat sich über seine plumpen Brüder hinweggesetzt. Träume hat er gehabt, und er hat es so deutlich gemacht mit den Träumen, dass man merken konnte: Ich bin der zukünftige Erbe, obwohl er nicht der Älteste war.

Zwölf Garben auf dem Feld, und eine Garbe ist die beste. Ja, und Sonne, Mond und Sterne, die sich vor Joseph verneigen. Also an Selbstbewusstsein hat es dem Knaben sicher nicht gemangelt.

Aber die anderen Söhne waren robuste Burschen, keine so schönen Schönlinge, die wollten auf ihrem Erbe bestehen, und man merkte, wie sich der Sturm zusammenbraute. Und der Jakob hat natürlich den Sohn herausgestellt, hat ihm ein Kleid gekauft aus Seide und Brokat, und die anderen sind herumgegangen mit unseren üblichen Sackkleidern. Was brauchen die [unverständlich] Seidenkleider? Aber nein, der Joseph war für Großes bestimmt, hatte ein wundervolles Seiden- und Brokatkleid. Ich hab’s gewusst, wie es kommt. Das kann nicht gut gehen. Na ja, und es ist nicht gut gegangen.

Und Joseph ist, wie wir heute wissen, eben mal einer Ermordung durch seine Brüder entgangen. Aber dem Vater haben sie ja seinen Tod, Josephs Tod, vorgespielt.

Also, da war ich zufällig dabei, weil ich mit den Frauen sehr befreundet war, wie das bluttriefende Seiden- und Brokatgewand von Joseph gebracht wurde. Und da sagten sie: Ein wildes Tier hat ihn zerrissen.

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