Sie haben es gehört: Aus der Umgebung von Hebron im Süden Kanaans kommen sie, der Nomadenscheich Jakob und seine Söhne, zu denen ja auch der so hoch aufgestiegene Joseph gehört. Hebron liegt, von uns hier in Tyrus gesehen, auf halbem Wege nach Ägypten, in den Bergen südlich von Jerusalem. Und genau dort begrüße ich jetzt in unserem lokalen Studio die, na, sagen wir mal, Stadtfürstin von Hebron, Frau Ruth. Sie war sozusagen die Schutzherrin der Sippe. Auf ihrem Land hat die Familie gewohnt, auf ihren Weidegründen haben die Herden gegrast. Und wie sie mir gesagt hat, ist das ein durchaus freundschaftliches Verhältnis gewesen, Frau Ruth?
Also, ich komme aus einer alten, adeligen Familie von Hethitern, und mein Urgroßvater hat es erzählt, und mein Großvater hat es weitererzählt, wie damals ein gewisser Abraham, ein Habiru aus Mesopotamien, kam. Und meine Familie blieb dann natürlich mit der Familie von Vater zu Sohn und von Mutter zu Tochter über die Jahrhunderte befreundet. Und auch ich habe mit einer Sympathie – obwohl wir natürlich höhergestellt waren, aber das macht nichts – mit die Familie und ihre Kinder beobachtet. Also der Isaak, der Sohn des Abrahams, der war so ein kleiner Schwächling, war immer krank, sehr krank. Und die Frauen – schöne Frauen haben sie alle gehabt, die haben sie von weit her geholt. Und der Sohn von dem Isaak, der Jakob, der hat eine Schönheitskönigin aus Babylon hergeholt und die geheiratet. War das eine Sensation bei uns! Und dann, dann konnte sie keine Kinder kriegen, und das ist doch bei uns furchtbar. Eine Frau, die keine Kinder kriegt – und was ist die schon wert? Was soll sie denn tun?
Aber inzwischen hat er ja Kinder und Enkelkinder. Eigentlich eine ganze Sippe ist hier im Anmarsch, wenn auch die meisten dieser zwölf Söhne Jakobs nicht von dieser Lieblingsfrau sind. Zumindest Joseph war es.
Kinder hin, Kinder her: Dieser Jakob hat den Joseph, den Sohn von dieser Geliebten, dermaßen verwöhnt, dass die anderen Söhne eifersüchtig und neidisch sind. Ich habe immer gesagt, bei uns in der Familie: Das geht mal nicht gut aus.
Aber er war doch auch ein besonders begabtes Kind, das hat sich ja in Ägypten deutlich herausgestellt.
Ja, das Kind war ja ein Genie, zugegeben, und da ist er natürlich ein bisschen hochnäsig geworden und hat sich über einen Teil der plumpen Brüder hinweggesetzt. Träume hat er gehabt, und er hat es so deutlich gemacht, die Träume, dass man merken konnte: Ich bin der zukünftige Erbe, obwohl er nicht der Älteste war.
Zwölf Garben auf dem Feld, und eine Garbe ist die beste. Ja, und Sonne, Mond und Sterne, die sich vor Joseph verbeugen. Also an Selbstbewusstsein hat es dem Knaben sicher nicht gemangelt.
Aber die anderen Söhne waren robuste Burschen, keine so schönen Schönlinge, die wollten auf ihrem Erbe bestehen, und man merkte, wie sich der Sturm zusammenbraute. Und der Jakob hat natürlich den Sohn herausgestellt, hat ihm ein Kleid gekauft aus Seide und Brokat, und die anderen sind herumgegangen mit unseren üblichen Sackkleidern. Was brauchen denn Hirten für Seidenkleider [Wortlaut unsicher]? Aber nein, der Joseph [Wortlaut unsicher] war für Großes bestimmt, hatte ein wundervolles Seiden- und Brokatkleid. Ich hab’s gewusst, wie es kommt. Das kann nicht gut gehen. Na ja, und es ist nicht gut gegangen.
Und Joseph ist, wie wir heute wissen, eben mal einer Ermordung durch seiner Brüder entgangen. Aber dem Vater haben sie ja seinen Tod, Josephs Tod, vorgespielt.
Also, da war ich zufällig dabei, weil ich mit den Frauen sehr befreundet war, wie das bluttriefende Seide- und Brokatgewand vom Joseph gebracht wurde. Und da sagten sie: Ein wildes Tier hat ihn zerrissen.