Joseph in Ägypten

Live-Sendung aus dem Reich der Pharaonen im Jahre 1750 v. Chr.

Kurzfilm „Josephs Kindheit“ 3:54 Min. · mit Untertiteln

Bilder KI-generiert, angelehnt an die Vorlagen im CD-Beiheft (Grabgemälde vorderasiatischer Nomaden in Beni Hassan). Ton: Original-Hörprobe.

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Hörprobe „Josephs Kindheit“

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Schauplatz
Ägypten
Zeit
1750 v. Chr.
Beiträge
19 Titel
Gesendet
Weihnachten 1999, dreistündiges Programm im Stadtradio BERLIN 88,8 des Senders Freies Berlin

Worum es geht

Nach vier Jahren Dürre herrscht Hunger in Kanaan, doch Ägyptens Grenzen sind geschlossen. Nur ein Familienclan aus Hebron darf einreisen – die Verwandten des Großwesirs, der einst als Sklave ins Land kam. Radio Tyrus erzählt die Karriere des „Träumers“ Joseph: vom Haus des Potiphar über die Träume des Pharao bis zur Versöhnung mit seinen Brüdern.

Ausführlicher Hintergrund: die Texte aus dem CD-Beiheft

Pressestimme

Was da … gebracht wurde, war nach der Konzeption so gescheit, der Dramaturgie so spannend, dem intellektuellen Niveau so souverän, dass ich von Minute zu Minute mit mehr Spannung und Entzücken zuhörte.

Peter Wapnewski, Germanist

Begleitheft zur CD · Vol. 7

Aus dem Beiheft

Die Begleittexte und Abbildungen aus dem gedruckten Heft zur CD „Joseph in Ägypten“. Der Wortlaut folgt dem Heft einschließlich seiner Schreibweisen; nur die Typografie wurde vereinheitlicht und offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.

Kapitel 1 Joseph in Ägypten: Eine biblische Romanfigur

Die Geschichte vom „Träumer“ Joseph, den seine Brüder nach Ägypten verkaufen, wo er zum zweiten Mann im Staate aufsteigt und schließlich seine Familie nachholt – sie hat eine Sonderstellung unter den frühen Schriften der Bibel. Nirgendwo sonst zieht sich eine einzelne Erzählung über so viele Kapitel hin. Menschliche Schicksale werden bis in ihre seelischen Hintergründe ausgeleuchtet und in einer kunstvoll dramatischen Handlung über viele Stationen zum glücklichen Ende geführt. Während die anderen Vätergeschichten am Anfang der Bibel oft aus bruchstückhaften alten Stammeserzählungen zusammengestellt sind, hat der Leser es hier mit dem künstlerisch durchgestalteten Werk eines Dichters zu tun. Die Josephs-Geschichte der Bibel ist ein Stück großer alter Weltliteratur.

Ist also der biblische Joseph eine unhistorische Phantasiegestalt? Tatsächlich haben die Archäologen trotz intensiver Bemühungen noch kein Dokument gefunden, das die Existenz eines solchen ägyptischen Großwesirs bestätigen könnte. Man findet nicht einmal sichere Anhaltspunkte dafür, zu welcher Zeit der pharaonischen Geschichte die in der Bibel beschriebenen Vorgänge überhaupt historisch möglich gewesen wären. Wer die Josephs-Geschichte für einen Tatsachenbericht halten will, ist auf seinen Glauben angewiesen.

Dennoch würde niemand auf die Idee kommen, der unbekannte Dichter habe die Personen seines Werkes einfach erfunden. Jakob, Joseph und seine Brüder – sie sind ja die in der gesamten biblischen Tradition bekannten Stammväter Israels. Sicher hat der Verfasser viele altüberlieferte Geschichten über diese Vorfahren seines Volkes gekannt. Manche wird er auch in seine Handlung mit aufgenommen haben. Einige Forscher haben viel Scharfsinn darauf verwendet, solche „Quellenschriften“ in der Josephs-Geschichte ausfindig zu machen. Zum besseren Verständnis hat das nicht viel beigetragen. Am besten nimmt man das kleine Kunstwerk wohl so, wie der Dichter es vor etwa 3000 Jahren aufgeschrieben hat. Die Autoren von RADIO TYRUS haben versucht, es mit journalistischen Mitteln nachzuerzählen. Sie sind ja nicht die Ersten, die sich dieser Aufgabe gestellt haben.

Blau gedruckter Holzschnitt: In einem Gemach mit Vorhang, Säulen und Fenster hält eine sitzende Frau einen jungen Mann am Gewand fest, der sich losreißt und davoneilt; rechts ein Tisch mit Kerzenleuchter. Oben und unten je zwei Verszeilen in Frakturschrift: „Der keusche Joseph flieht, und läst eh alle Röcke, Eh er des Herren Bett und seine Seel beflecke.“ – „Fleuch vor der Sünde ja, eh dich ihr Netz bestricket, Und trau am wenigsten, wenn sie sich offt geschmücket.“

Kapitel 2 Das Land am Nil

Als um das Jahr 1000 v. Chr. das biblische Volk Israel in die Weltgeschichte einzutreten begann, hatte das ägyptische Pharaonenreich schon eine zweitausendjährige Entwicklung hinter sich. Selbst die berühmten Pyramiden von Gizeh waren zu dieser Zeit schon rund 1700 Jahre alt.

Historische Karte des alten Ägypten im Hochformat, vom Mittelmeer bis zum ersten Nilkatarakt. Beschreibung siehe Text unter der Karte.
Das alte Ägypten (Mittleres Reich)
Kartenbeschreibung

Die Karte zeigt den Lauf des Nil von der Insel Philae und Elephantine im Süden bis zum Delta am Mittelmeer im Norden. Westlich des Flusses liegt die Libysche Wüste, östlich die Arabische Wüste, im Nordosten die Halbinsel Sinai am Roten Meer.

Im Delta: Sais, Bubastis und Quantir; an der Ostgrenze zum Sinai ist die „Fürstenmauer“ eingezeichnet.

Am Südrand des Deltas und im Niltal flussaufwärts: Heliopolis, Gizeh, Memphis, Lischt, die Oase Fayoum, Herakleopolis, Hatnub, Abydos, Koptos, Theben, Hierakonpolis, Elephantine und Philae.

Unten links steht in der Karte der Titel „Das alte Ägypten (Mittleres Reich)“.

Von den äußeren Lebensbedingungen her lässt sich Ägypten mit kaum einem anderen Land vergleichen: Tausend Kilometer lang zieht sich ein schmales grünes Flusstal durch eine extrem trockene Wüstenlandschaft. Selten fällt ein Tropfen Regen, alles Leben hängt vom Wasser des Nil ab. Vor seiner Mündung ins Mittelmeer verzweigt sich der Fluss in ein flaches, fruchtbares Delta. Hier liegen zwei Drittel der Landwirtschaftsfläche Ägyptens. Bis zum Bau des modernen Assuan-Staudamms war das Leben am Nil durch die jährlichen großen Überschwemmungen bestimmt. Zwei Monate lang wurde im Herbst alles Ackerland überflutet. Der Schlamm, den der Fluss zurück ließ, düngte die Felder.

In manchen Jahren kamen die Hochwasser mit so großer Gewalt, dass Dörfer, Vieh und Felder von der Strömung fortgespült wurden. Zu anderer Zeit blieb die Flut so niedrig, dass nur ein geringer Teil der Felder bestellt werden konnte. So begannen die Ägypter schon sehr früh, die jährlichen Überschwemmungen durch ein System von Dämmen, Staubecken und Kanälen zu regulieren. Bald zeigte sich, dass solche Einrichtungen nur dann einen nachhaltigen Erfolg brachten, wenn sie über die ganze Länge des Niltals einheitlich organisiert und aufeinander abgestimmt waren.

Unter diesen Bedingungen entstand der ägyptische Pharaonenstaat mit seinem vieltausendköpfigen Beamtenapparat. Fast alle Lebensvorgänge im Land wurden schließlich zentral verwaltet und einer staatlichen Kontrolle unterstellt. Noch heute staunen wir über die Großwerke der altägyptischen Kunst und Architektur. Sie wurden von einer Bevölkerung geschaffen, die in den besten Zeiten kaum mehr als drei bis fünf Millionen Menschen umfasste.

Aber ebenso muss man wohl die Leistung der ägyptischen Beamten bewundern, die das komplizierte Bewässerungssystem in Gang hielten. Sie haben dafür gesorgt, dass dem Land über Jahrtausende die Fruchtbarkeit erhalten blieb.

Die Hochwasser des Nil haben ihre Ursache in den Regenfluten, die jährlich im Bergland von Äthiopien niedergehen. Schon in alter Zeit blieb dort manchmal der Regen aus. Dann herrschten in Ägypten Dürre und Hunger. Die Pharaonen haben deshalb schon sehr früh begonnen, große Getreidespeicher in den Städten einzurichten. Die Höhe der Abgaben wurde nach dem Stand des Nils jedes Jahr neu festgelegt. Die biblische Geschichte macht Joseph zum Erfinder dieser ägyptischen Vorratswirtschaft. Den historischen Tatsachen entspricht das sicher nicht.

Strichzeichnung nach einer ägyptischen Grabmalerei: Links stehen Männer mit Stöcken und Schreiber mit Schreibtafeln, in der Mitte tragen und schütten Arbeiter Getreide zu einem Haufen, rechts ein Speichergebäude mit Treppe, auf dem Arbeiter Säcke abladen.
Getreide-Vorratshaltung. Nachzeichnung einer ägyptischen Grabmalerei aus Theben, um 1390 v. Chr.

Kapitel 3 „Asylanten“ im alten Ägypten

Folgt man den Berichten der Bibel, dann haben nicht nur Joseph und seine Verwandten in Ägypten Zuflucht vor einer Hungersnot gefunden. Auch schon der legendäre Vorvater Abraham soll einmal mit seinen Herden diesen Weg gegangen sein. Wenn in den Gebieten Kanaans für Jahre der Regen ausblieb, erschien den in Not geratenen Hirtenvölkern das Land am Nil als letzte Überlebenshoffnung.

Hier war man nicht auf Regen angewiesen, denn der Fluss bewässerte die Felder. In den Vorratshäusern lagerte Nahrung im Überfluss, und für die Herden fand man Wasser und Weideflächen. Dass solche Asyl-Fälle im alten Ägypten nichts Ungewöhnliches waren, kann man in Papyrus-Dokumenten jener Zeit nachlesen. So meldet um 1200 vor unserer Zeitrechnung ein ägyptischer Grenzbeamter seinem Vorgesetzten: „Wir sind damit zu Ende gekommen, die Schasu-Stämme aus Edom durchzuschleusen durch die Grenzfestung des Pharao Merneptah – er lebe, sei wohlbehalten und gesund! Sie wurden nach Pitom geleitet, an die Wasserstellen am Atum-Tempel, damit sie und ihr Vieh am Leben bleiben durch das Wohlwollen des Pharao, der guten Sonne eines jeden Landes. Ich habe ihre Namen aufschreiben lassen und sende sie hiermit meinem Vorgesetzten, zusammen mit einer Liste von weiteren Einwanderern, die in den vergangenen 60 Tagen die Grenze passiert haben.“ Die Kleinviehnomaden jener Tage wurden übrigens in derselben Region „Gosen“ angesiedelt, die nach der biblischen Josephs-Geschichte den Vorfahren Israels als Wohnort zugeteilt wurde.

Die Ägypter trafen schon sehr früh Vorsorge, dass ihr Land in Dürrezeiten nicht von Hungerflüchtlingen überlaufen wurde. Sie sicherten ihre Grenze zur Sinai-Halbinsel mit einer streng bewachten Befestigungslinie ab. An dieser sogenannten „Fürstenmauer“ wurde der Ein- und Ausreiseverkehr mit ägyptischer Gründlichkeit kontrolliert. Wurde eine Aufenthaltsgenehmigung gewährt, dann mussten sich die Einwanderer zu Abgaben und Arbeitsleistungen verpflichten. Staatliche Aufsichtsbeamte wiesen den „Asylanten“ ihren Weideplatz zu und überwachten die Einhaltung der Vorschriften. Mit der stolzen Freiheit des Nomadenlebens war es nun vorbei. Sie durften überleben – aber um den Preis eines Sklavendaseins.

Ägyptische Wandmalerei als langer Fries: Von links führen Männer in weißen Schurzen und ein Schreiber eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern in bunt gemusterten Gewändern heran. Die Männer tragen Bögen, Wurfhölzer und Speere, einer spielt eine Leier; Esel tragen Gepäck und Kinder, vorn werden ein Steinbock und eine Gazelle geführt.Vollansicht
Eine Gruppe vorderasiatischer Nomaden bei der Einreise nach Ägypten. Grabgemälde in Beni Hassan (um 1850 v.Chr.)

Auf ihre östlichen Nachbarn in Kanaan blickten die Ägypter mit Hochmut und leisem Abscheu herab. „Die Schafhirten sind den Ägyptern ein Gräuel“ – so heißt es in der biblischen Josephs-Geschichte. Die Bewohner Vorderasiens passten nicht in die über Jahrtausende verfeinerte Kultur Ägyptens. Sie trieben keine intensive Körperpflege und trugen grobe Kleidung, die nur sehr selten gewaschen wurde. Haare und Bart ließen sie ungeschoren. In den Augen der Ägypter kannten sie keine „Disziplin“. In ihrem Freiheitsdrang passten sie nicht in die wohlorganisierte Verwaltungsordnung des Pharaonen-Staats. Viele ägyptische Könige haben Feldzüge unternommen, um die benachbarten Nomadenvölker zur Ordnung zu rufen. Es ist ihnen aber nie für längere Zeit gelungen.

Von ihren Feldzügen haben die Pharaonen Tausende von Kriegsgefangenen nach Ägypten gebracht, die dort als Sklaven leben mussten. Frauen dienten häufig als Weberinnen, die Männer waren beliebte Hausdiener – auch hier zeichnet die Josephs-Geschichte ein zutreffendes Bild. Man vermutet, dass sich ein Teil der Zuwanderer aber auch freiwillig in diese Sklavenrolle begeben hat. Sie verdingten sich als eine Art „Gastarbeiter“. Es war nicht völlig ungewöhnlich, dass solche Sklaven – wie der biblische Joseph – in höhere Stellungen aufsteigen konnten. Man kennt das Bildnis eines aus Kanaan stammenden ägyptischen Generals und weiß von Hofbeamten des Mittleren Reichs, dass sie „asiatischer“ Herkunft waren.

Unvergessen blieb den Ägyptern eine dunkle Periode ihrer Geschichte, während der es den Zuwanderern aus Kanaan gelang, in großen Teilen des Landes die Herrschaft an sich zu reißen. Sie wurden „Hyksos“ genannt – Herrscher der Fremdländer. Zweihundert Jahre währte ihre Herrschaft, die das sogenannte „Mittlere Reich“ der ägyptischen Geschichte ablöste. Schließlich gelang es den Ägyptern um 1550 v.Chr. die verhassten „Asiaten“ in einem zwanzigjährigen Befreiungskrieg aus dem Land zu treiben.

Die Hyksos öffneten die Grenzen und ließen viele ihrer kanaanäischen Stammesbrüder ins fruchtbare Nildelta einwandern. Bitter beklagen sich die Ägypter jener Tage darüber, dass die Einheimischen nun zu Dienern ihrer früheren Sklaven erniedrigt worden waren. Manche Forscher verlegen deshalb die biblische Josephs-Geschichte in diese Epoche. Von den Zuständen der Hyksos-Zeit ist hier aber mit keinem Wort die Rede.

Nach den Erfahrungen der Hyksos-Zeit kann man es den Ägyptern nicht verdenken, dass sie alle Ausländer im Land mit äußerstem Misstrauen betrachteten, und dass sie alles taten, um ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen. Die Unterdrückung, die die Vorväter Israels zur Zeit des Mose in Ägypten erlebten, war sicher eine Reaktion auf die eben überwundene Hyksos-Herrschaft. Nie wieder sollte es den verhassten Fremden möglich sein, in ihrem Gastland Einfluss und Macht zu gewinnen.

Schwarzweißfoto eines Reliefs oder einer Skulptur: Kopf eines bärtigen Mannes im Profil nach links mit Stirnband, schulterlangem gewelltem Haar und Vollbart; Augen und Brauen sind dunkel umrandet.
Kopf eines semitischen Einwanderers aus dem Grab des Tutanchamun um 1325 v. Chr.

Kapitel 4 Werbung für den starken Staat

Die Erinnerung an das Sklavendasein seiner Vorfahren in Ägypten hat das Verhalten des späteren Volkes Israel gegenüber Fremden für lange Zeit geprägt: „Den Fremden sollt ihr nicht bedrücken, seid ihr doch selbst einmal Fremde gewesen in Ägypten!“ – so heißt es in der Bibel. Als das alte Israel selbst groß und mächtig wurde, hat es solche Gebote bald vergessen. Nun gab es auch im eigenen Land Zwangsarbeit für „volksfremde Elemente“ – wie einst in Ägypten.

Das Land Kanaan hatte schon immer zum politischen Einflussbereich der Großmacht am Nil gehört. Als die Israeliten ihren eigenen Staat gründeten, fühlten sie sich ständig durch den übermächtigen Nachbarn Ägypten bedroht. Nur für eine kurze Epoche war Israel politisch so stark, dass die beiden Völker in friedlicher Koexistenz als gleichberechtigte Partner miteinander umgingen: Das war während der Regierungszeit des großen Königs Salomo (ca. 970–930 v. Chr.). Salomo organisierte sein eigenes Großreich nach ägyptischem Vorbild. Er holte sich ausländische Experten ins Land, um seine Beamten auszubilden. Er war mit einer ägyptischen Pharaonentochter verheiratet, die in Salomos Palast einen eigenen Hofstaat unterhielt.

Die Forschung geht deshalb davon aus, dass der Verfasser der biblischen Josephs-Geschichte während der Zeit Salomos in Israel lebte und wirkte. In keiner anderen Epoche hätte es einen Anlass gegeben, dass ein israelitischer Schreiber die Verhältnisse in Ägypten so positiv darstellte und die Errungenschaften des Pharaonenstaates so kritiklos lobte, wie das in dieser Erzählung geschieht.

Als das Volk Israel im Land Kanaan sesshaft wurde, war es ein loser Stämmebund und kannte weder Steuern noch eine zentrale Staatsgewalt. Die Familien und Sippen lebten unabhängig und gleichberechtigt miteinander. „Gott allein ist unser König“ – sagten die Israeliten. Und sie waren stolz darauf, dass sie sich darin von allen anderen Völkern ihrer Umgebung unterschieden.

Als in Israel doch der Wunsch nach einem eigenen Herrscher aufkam, hat der Prophet Samuel sehr drastisch vor den Folgen gewarnt: „Er wird eure besten Äcker, Wein- und Ölgärten enteignen und sie seinen Gefolgsleuten geben. Von Korn und Wein wird er Steuern fordern, um seine Beamten zu bezahlen. Eure Knechte und Mägde, die schönsten Rinder und Esel wird er für seinen Hof beschlagnahmen. Von den Herden wird er den Zehnten nehmen, und euch selbst wird er zu seinen Sklaven machen…“ (I. Sam. 8,14–17). Tatsächlich hat es in Israel von Anfang an eine starke Opposition gegen das Königtum gegeben. Am Ende der Regierung des Königs David ist es deshalb sogar zu Volksaufständen gekommen.

Liest man die biblische Josephs-Geschichte auf diesem Hintergrund, erkennt man ihre politische Absicht: „Willst du etwa König werden und über uns herrschen?“ – so empören sich die Brüder Josephs, als sie von seinen Träumen hören. Hier klingen die Parolen der damaligen Widerstandsbewegung an: Alle Söhne Israels sind vor Gott gleich. Niemand soll sich zum Herrscher über seine Brüder aufschwingen!

Im Fortgang der Erzählung wird diesen Argumenten dann sehr geschickt der Boden entzogen: Gott selbst ist es, der Joseph an die Spitze staatlicher Macht führt. So wird er zum Retter des Landes und Erhalter seiner eigenen Familie. Kein Wort der Kritik an der autoritären ägyptischen Staatsverwaltung mit ihren totalitären Maßnahmen. Sie wird geradezu als ein Instrument des Willens Gottes dargestellt.

Ein Lehrstück politischer Propaganda. Die Israeliten der frühen Königszeit sollen lernen: Der Herrscher mit seinen Beamten handelt im Auftrag Gottes. Wenn er Glanz und Reichtümer aufhäuft, wenn er Steuern eintreibt und die Rechte der Bürger einschränkt, so dient das dem Wohl des Volkes.

Strichzeichnung in Blau nach einem ägyptischen Wandbild: Links sitzt der Pharao unter einem Baldachin auf dem Thron, hinter ihm steht eine Göttin. Rechts davor steht ein Würdenträger mit Zepter und Wedel in der Hand, zwei Diener legen ihm eine Kette um den Hals.
Einsetzung eines ägyptischen Wesirs. Der Pharao sitzt auf seinem Thron, hinter ihm die Göttin Ma‘at. Vor dem Thron steht der Würdenträger im schulterfreien Amtskleid des Wesirs. In der Hand hält er die Symbole seiner neuen Würde: Zepter und Wedel. Zwei Diener legen ihm eine prunkvolle Goldkette um. Ähnlich schildert die biblische Erzählung die Einsetzung Josephs.

Kapitel 5 Der Glanz ferner Fürstenhöfe

Die Ägyptenforscher unserer Tage bestätigen dem Verfasser der biblischen Josephs-Geschichte eine gute Detailkenntnis des pharaonischen Hoflebens seiner Zeit. Das reicht von der Beschreibung der Beamten-Hierarchie bis hin zur korrekten Wiedergabe von Anreden und Titeln. Ausführlich und genau wird die Einsetzung eines Wesirs geschildert, einschließlich der zeremoniellen Fahrt im Standartenwagen des Pharao zum Dienstantritt. Kleidungs- und Tischordnungen sind erwähnt. Man nimmt an einer Geburtstagsparty des Pharao teil und lernt das besondere Staatsgefängnis für leitende Hofbeamte kennen.

Man kann vermuten, dass es schon in alter Zeit viele Menschen gegeben hat, die sich für das Leben an fremden Fürstenhöfen interessierten. Dem wollte der Erzähler wohl entgegenkommen. Aber ebenso scheint es möglich, dass der unbekannte israelitische Autor ein innenpolitisches Ziel verfolgte: Die Leser sollten dafür gewonnen werden, dem neuentstandenen eigenen Königtum des David und Salomo ebensoviel Prachtentfaltung und Luxus zuzugestehen wie den Pharaonen.

Die genaue Beschreibung von Einzelheiten aus dem ägyptischen Hofleben macht die Josephs-Geschichte dennoch nicht zu einem Tatsachenbericht. Dazu sind die allgemeinen Angaben über Zeit und Umwelt der Handlung viel zu ungenau. Der Hohepriester von On trägt einen Namen – der Pharao nicht. Aus dem Ablauf der Ereignisse kann man schließen, dass die Hauptstadt Ägyptens im Delta gelegen haben muss – das war aber erst in späterer Zeit der Fall. Ebenso kamen die ägyptischen Namen Potiphar (Geschenk des Gottes Re) und Asnath (Angehörige der Göttin Neith) erst in Gebrauch, als das Volk Israel schon in Kanaan wohnte.

Von einer siebenjährigen Hungersnot in Ägypten wird in historischen Quellen nirgendwo berichtet – erst recht nicht von einem Wesir namens Joseph, der damals durch seine Vorratspolitik das Land gerettet haben soll. Heute würde man die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern eine „historische Novelle“ nennen: Die ägyptischen Detailinformationen dienen vor allem der Illustration der Erzählung, sind aber deshalb noch kein Beleg für ihre historische Zuverlässigkeit.

Farbfoto der goldenen Totenmaske des Tutanchamun vor grünem Hintergrund: ein Gesicht aus Gold mit dunkel umrandeten Augen, blau-golden gestreiftem Kopftuch, Geier- und Schlangenkopf an der Stirn, geflochtenem Kinnbart und breitem Halskragen.
Goldmaske aus dem Grab des Tutanchamun Theben, um 1325 v. Chr.

Kapitel 6 Das Werk eines Dichters

Der Verfasser der Josephs-Geschichte hatte einen „Erzählstoff“, den er gestalten wollte: Die Auswanderung der israelitischen Vorfahren nach Ägypten. Dabei hat er meisterhaft alle künstlerischen Mittel benutzt, die ihm in seiner Epoche zur Verfügung standen.

Die Erzählung ist deutlich in einzelne Szenen unterteilt, die jeweils eine in sich abgeschlossene Handlung haben. Sie sind durch geschickt eingeführte Hintergrundmotive so miteinander verknüpft, dass die Spannung von Anfang bis Ende erhalten bleibt. Zuerst sind es Träume, die eine Erwartung auf kommende Ereignisse wecken und die Handlung aus dem engen Familienkreis in die große Weltpolitik führen. Dann ist es das Motiv der Hungersnot, das den Aufstieg Josephs wieder mit der Geschichte seiner Familie verbindet. Dazu kommt die unausgesprochene Frage nach der Schuld der Brüder, die die Geschichte als stilles Grundmotiv begleitet.

Die Josephs-Geschichte ist nicht nur für die „Gebildeten“ unter den Israeliten geschrieben worden. Sie wollte „populär“ sein und hat sich deshalb deutlich an Elemente der Volkserzählung angelehnt, wie sie auch heute noch in Sagen und Märchen lebendig sind: Ein Kind wird ungerecht bevorzugt. Der jüngste Bruder überflügelt die älteren. Ein Mann aus dem Volk wird des Königs rechte Hand. Der Rat eines Weisen rettet das Land. Traumdeuter werden beschämt, Minister fallen in Ungnade und werden wieder erhöht. Ein Vater soll seinen Lieblingssohn opfern. Ein Mächtiger prüft die Armen, indem er ihnen falsches Diebesgut unterschiebt. Für das bekannte Erzählmotiv der „ungetreuen Ehefrau“, hat man sogar in altägyptischen Texten eine erstaunliche Parallele gefunden. Der Verfasser wollte nicht „originell“ sein. Es ging ihm darum, mit seiner Erzählung den Geschmack seiner Zeit zu treffen.

Wie keine andere Erzählung im Alten Testament ist die Josephs-Geschichte geprägt vom staunenden Bildungsinteresse an den Reichtümern einer anderen Kultur. Die Beschäftigung mit fremder Sitte und Religion ist unbelastet von Berührungsängsten: Der Hebräer Joseph kann äußerlich und innerlich Ägypter werden und sogar in ein heidnisches Priestergeschlecht einheiraten – für den Erzähler bleibt er doch ein gottgesegneter, frommer Mann.

Farbfoto einer bemalten Sitzfigur vor grauem Hintergrund: Ein Mann mit kurzem schwarzem Haar und dunkel umrandeten Augen sitzt mit gekreuzten Beinen, auf dem Schoß eine aufgerollte Schriftrolle, die Hände in Schreibhaltung; er trägt einen weißen Schurz.
Bildnis eines ägyptischen Schreibers Sakkara um 2500 v. Chr.

Kapitel 7 Weisheit – fromme Lebenskunst der Könige und Beamten

Einfache Umrisszeichnung in Blau nach ägyptischem Vorbild: Ein kniender Mann mit Schreibbinse hinter dem Ohr hält eine Schreibtafel vor sich, an der ein kleines Schreibzeug hängt.

Unter den Schriften der Bibel gibt es Überlieferungen, die sich besonders mit menschlicher Lebenserfahrung beschäftigen: die sogenannten „Weisheits-Bücher“. Dazu gehören vor allem das „Buch der Sprüche“ und der „Prediger“ – zwei große Sammlungen von Sinnsprüchen und Lehrgedichten, die auf den „weisen“ König Salomo zurückgeführt werden. Solche Sammlungen frommer Lebensregeln sind nicht nur in Israel aufgeschrieben worden. Es gibt sie in allen Kulturen der Welt. In Ägypten hat man Spruchsammlungen gefunden, die eine große Ähnlichkeit mit den Weisheitstexten der Bibel haben.

Auch die biblische Josephs-Geschichte atmet den Geist dieser Weisheits-Literatur. Wie die Weisheitslehrer spricht auch ihr Verfasser davon, dass Gottes Pläne und Gottes Wirken dem Menschen zumeist verborgen sind. Man braucht viel Lebensklugheit und Gelassenheit, um den richtigen Weg zu gehen und auch im Unglück nicht zu verzweifeln. Einige biblische (aber auch ägyptische) Spruchregeln klingen wie ein Kommentar zur Josephs-Geschichte. Der Hintergrund dafür liegt vielleicht darin, dass solche Weisheitslehren in alter Zeit vor allem dazu dienten, künftige Fürsten und Hofbeamte auf ihren Dienst vorzubereiten. Sie sollten lernen, ihre Verantwortung so wahrzunehmen, dass Gott ihre Tätigkeit zum Segen für die anvertrauten Menschen machte.

Joseph wird in der Bibel als das Muster eines guten Verwalters dargestellt – im Kleinen wie im Großen. So wird er zum Idealbild des vorbildlichen Beamten, der sein Leben nach den Ratschlägen der Weisen ausrichtet und dadurch zum Erfolg kommt. Man kann vermuten, dass der Autor der Josephs-Geschichte seinen Landsleuten Mut machen wollte, mit einer ähnlichen Grundeinstellung in den Staatsdienst des eigenen Landes zu treten.

Kapitel 8 Altägyptische Weisheit

Hüte dich vor der fremden Frau, die niemand am Ort kennt. Blicke sie nicht an und geh nicht zu ihr ein. Sie ist ein dunkles Wasser, dessen Tiefe man nicht weiß. Eine Frau, deren Ehemann nicht im Haus ist: „Bin ich nicht hübsch?“, sagt sie zu dir, wenn sie keinen Zeugen hat. Täglich wartet sie und stellt ihre Falle auf. Ein Vergehen, das den Tod bringt, wenn es bekannt wird. (Aus der „Lehre des Anii“, ca. 1400 v. Chr.)

Mach kein Geschrei gegen den, der dir Böses tut. Der Nordwind wird kommen und seine Barke stranden lassen. Dann aber richte ihn auf, gib ihm deine Hand. Fülle seinen Leib mit deinem Brot, dass er satt werde und sich schäme.

Tu dir nicht Zwang an, den Gewaltherrn zu grüßen, und schädige nicht dein eigenes Herz. Gott hasst den, der mit falschen Worten spricht, und er verabscheut den, der im Inneren krank ist.

Der Mensch ist Lehm und Stroh, der Gott ist sein Baumeister. Er reißt nieder, und täglich baut er wieder auf. Gott liebt den, der den Geringen achtet, mehr als den, der den Vornehmen ehrt. (Aus der „Lehre des Amenémopé“ – ca. 1100 v. Chr.)

Kapitel 9 Weisheit der Bibel

Des Menschen Herz denkt sich seinen Weg, aber Gott lenkt die Schritte. Gegenüber Gott gibt es keine Weisheit, keine Einsicht und keinen Rat. Man rüstet sein Ross zur Schlacht, aber den Erfolg gibt Gott allein.

Erhitze dich nicht über die Bösen und ereifere dich nicht über die Gottlosen, denn für die Bösen gibt es keine Zukunft, und das Licht der Gottlosen erlischt. Ein Gerechter fällt siebenmal und steht wieder auf, aber die Gottlosen versinken im Unglück. Hungert dein Feind, so speise ihn mit Brot; dürstet ihn, so gib ihm Wasser zu trinken. Damit wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt häufen, und der Herr wird dir’s vergelten.

Besser eine Kohlsuppe mit Liebe als ein Mastochse mit Hass. Besser ein Kanten Brot mit Frieden als ein Schlachtefest mit Streit. Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, und wer einen Felsen hochkippt, auf den fällt er zurück.

Ein Vernünftiger mäßigt seine Rede, und ein Verständiger ereifert sich nicht. Auch ein Tor, wenn er schwiege, könnte für weise gehalten werden und für vernünftig, wenn er seinen Mund hielte. (Aus den „Sprüchen Salomos“)

Kapitel 10 Die verführerische Frau

Im „Papyrus d‘Orbiney“ aus dem 13. Jahrhundert v.Chr. ist ein altägyptisches Märchen überliefert, dessen Anfang eine große Ähnlichkeit mit der biblischen Geschichte von Joseph und der Frau des Potiphar hat. Hier gelingt es der ungetreuen Frau aber, ihren Mann zu täuschen. Der Jüngling flieht, kann aber später seinen Bruder von seiner Treue überzeugen.

Es waren einmal zwei Brüder. Der ältere hieß Anubis und hatte Haus und Hof. Der jüngere hieß Bata und lebte bei ihm wie ein Sohn. Er hütete das Vieh und schlief bei den Tieren im Stall. Eines Tages waren beide zum Pflügen auf dem Feld, und das Saatkorn war ausgegangen. Da sprach der Ältere zu seinem Bruder: „Geh heim und hol’ uns Korn!“ Der jüngere ging und fand die Frau seines Bruders, wie sie im Haus saß und sich die Haare flocht. „Schnell, steh auf und gib mir Korn, damit ich’s meinem Bruder aufs Feld bringe!“ – „Geh selbst in die Kammer und nimm, was du brauchst. Ich kann nicht aufstehen, meine Frisur ist noch nicht fertig.“ Da ging der Jüngling in die Kammer, füllte seinen Korb und kam heraus. „Wie stark du bist!“ sagte die Frau, als sie ihn so sah, und in ihr wuchs der Wunsch, ihn zu besitzen. Sie stand auf und fasste nach ihm: „Komm, lass uns eine Weile beieinander liegen. Das wird dir guttun, und ich will dir auch schöne Kleider machen!“ Aber der junge Mann wurde zornig wie ein wilder Panther: „Bist du mir nicht wie eine Mutter, und dein Mann ist wie ein Vater für mich! Welche Schande mutest du mir zu! Sag so etwas nie wieder zu mir, so will ich über diesen Vorfall schweigen, kein Wort soll über meine Lippen kommen!“ Und er nahm seine Last und ging aufs Feld zu seinem Bruder. Die Frau aber war voll Furcht über das, was sie zu dem Jüngling gesagt hatte. Sie nahm Schminke und richtete sich her wie eine, die misshandelt worden ist. Als ihr Mann heimkam, fand er das Haus dunkel, und sie lag am Boden wie eine, die geschlagen worden ist. „Wer ist bei dir gewesen?“ – „Niemand als dein Bruder. Er kam, um Korn zu holen, und fand mich allein. Da sagte er zu mir: Komm, lass uns eine Weile beieinander liegen! – Ich aber widerstand ihm: Bin ich dir nicht wie eine Mutter, und mein Mann ist wie ein Vater für dich! – Da fürchtete er sich und schlug mich, damit ich’s dir nicht sage. Töte ihn! Sonst wird er alles abstreiten und Schande und Tod über mich bringen!…“

Ausschnitt einer ägyptischen Wandmalerei mit teils abgeblätterter Farbe: Kopf einer Person im Profil nach links mit langer, gestreifter Perücke, Stirnband und einer Blüte auf dem Kopf, darunter ein breiter, bunter Halskragen; vor dem Gesicht eine erhobene Hand.

Hörprobe zum Nachlesen: „Josephs Kindheit“

Textfassung der Hörprobe (3:42 Min.), die auch den Ton des Kurzfilms bildet. Maschinell transkribiert und redaktionell überarbeitet; einzelne Namen und Wendungen können vom gesprochenen Original abweichen.

Textfassung anzeigen

Sie haben es gehört: Aus der Umgebung von Hebron im Süden Kanaans kommen sie, der Nomadenscheich Jakob und seine Söhne, zu denen ja auch der so hoch aufgestiegene Joseph gehört. Hebron liegt, von uns hier in Tyrus gesehen, auf halbem Wege nach Ägypten, in den Bergen südlich von Jerusalem. Und genau dort begrüße ich jetzt in unserem lokalen Studio die, na, sagen wir mal, Stadtfürstin von Hebron, Frau Ruth. Sie war sozusagen die Schutzherrin der Sippe. Auf ihrem Land hat die Familie gewohnt, auf ihren Weidegründen haben die Herden gegrast. Und wie sie mir gesagt hat, ist das ein durchaus freundschaftliches Verhältnis gewesen, Frau Ruth?

Also, ich komme aus einer alten, adeligen Familie von Hethitern, und mein Urgroßvater hat es erzählt, und mein Großvater hat es weitererzählt, wie damals ein gewisser Abraham, ein Habiru aus Mesopotamien, kam. Und meine Familie blieb dann natürlich mit der Familie von Vater zu Sohn und von Mutter zu Tochter über die Jahrhunderte befreundet. Und auch ich habe mit einer Sympathie – obwohl wir natürlich höhergestellt waren, aber das macht nichts – mit die Familie und ihre Kinder beobachtet. Also der Isaak, der Sohn des Abrahams, der war so ein kleiner Schwächling, war immer krank, sehr krank. Und die Frauen – schöne Frauen haben sie alle gehabt, die haben sie von weit her geholt. Und der Sohn von dem Isaak, der Jakob, der hat eine Schönheitskönigin aus Babylon hergeholt und die geheiratet. War das eine Sensation bei uns! Und dann, dann konnte sie keine Kinder kriegen, und das ist doch bei uns furchtbar. Eine Frau, die keine Kinder kriegt – und was ist die schon wert? Was soll sie denn tun?

Aber inzwischen hat er ja Kinder und Enkelkinder. Eigentlich eine ganze Sippe ist hier im Anmarsch, wenn auch die meisten dieser zwölf Söhne Jakobs nicht von dieser Lieblingsfrau sind. Zumindest Joseph war es.

Kinder hin, Kinder her: Dieser Jakob hat den Joseph, den Sohn von dieser Geliebten, dermaßen verwöhnt, dass die anderen Söhne eifersüchtig und neidisch sind. Ich habe immer gesagt, bei uns in der Familie: Das geht mal nicht gut aus.

Aber er war doch auch ein besonders begabtes Kind, das hat sich ja in Ägypten deutlich herausgestellt.

Ja, das Kind war ja ein Genie, zugegeben, und da ist er natürlich ein bisschen hochnäsig geworden und hat sich über einen Teil der plumpen Brüder hinweggesetzt. Träume hat er gehabt, und er hat es so deutlich gemacht, die Träume, dass man merken konnte: Ich bin der zukünftige Erbe, obwohl er nicht der Älteste war.

Zwölf Garben auf dem Feld, und eine Garbe ist die beste. Ja, und Sonne, Mond und Sterne, die sich vor Joseph verbeugen. Also an Selbstbewusstsein hat es dem Knaben sicher nicht gemangelt.

Aber die anderen Söhne waren robuste Burschen, keine so schönen Schönlinge, die wollten auf ihrem Erbe bestehen, und man merkte, wie sich der Sturm zusammenbraute. Und der Jakob hat natürlich den Sohn herausgestellt, hat ihm ein Kleid gekauft aus Seide und Brokat, und die anderen sind herumgegangen mit unseren üblichen Sackkleidern. Was brauchen denn Hirten für Seidenkleider [Wortlaut unsicher]? Aber nein, der Joseph [Wortlaut unsicher] war für Großes bestimmt, hatte ein wundervolles Seiden- und Brokatkleid. Ich hab’s gewusst, wie es kommt. Das kann nicht gut gehen. Na ja, und es ist nicht gut gegangen.

Und Joseph ist, wie wir heute wissen, eben mal einer Ermordung durch seiner Brüder entgangen. Aber dem Vater haben sie ja seinen Tod, Josephs Tod, vorgespielt.

Also, da war ich zufällig dabei, weil ich mit den Frauen sehr befreundet war, wie das bluttriefende Seide- und Brokatgewand vom Joseph gebracht wurde. Und da sagten sie: Ein wildes Tier hat ihn zerrissen.

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