König David: Ein Volk – ein Reich – ein Führer

Hauptstadt-Einzug in Jerusalem – eine Live-Sendung aus dem Jahre 997 v. Chr.

Kurzfilm „Das Einheitsfest in Jerusalem“ 4:08 Min. · mit Untertiteln

Bilder KI-generiert, angelehnt an die Vorlagen im CD-Beiheft (Rekonstruktion Jerusalems, Musikkapelle aus Ninive, Philister-Relief aus Medinet Habu). Ton: Original-Hörprobe.

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Hörprobe „Das Einheitsfest in Jerusalem“

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Schauplatz
Jerusalem
Zeit
997 v. Chr.
Beiträge
18 Titel
Gesendet
Tag der Deutschen Einheit 1997, dreistündiges Programm im Stadtradio BERLIN 88,8 des Senders Freies Berlin

Worum es geht

Ein Söldnerführer aus einfachsten Verhältnissen hat ein orientalisches Großreich geschaffen und macht Jerusalem zur neuen Hauptstadt. Radio Tyrus überträgt die Hauptstadtparade und den Einzug der Bundeslade – und schaut hinter den Festjubel: auf Machtpoker, Haremsintrigen und religiöse Propaganda. Eine Geschichte, die in den Büchern Samuel erstaunlich nüchtern erzählt wird.

Ausführlicher Hintergrund: die Texte aus dem CD-Beiheft

Begleitheft zur CD · Vol. 2

Aus dem Beiheft

Die Begleittexte und Abbildungen aus dem gedruckten Heft zur CD „König David: Ein Volk – ein Reich – ein Führer“. Der Wortlaut folgt dem Heft einschließlich seiner Schreibweisen; nur die Typografie wurde vereinheitlicht und offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.

Kapitel 1 König David Geschichte und Legende

Wenige Geschichten der Bibel sind noch so bekannt wie die vom Hirtenknaben David, der den Riesen Goliath mit einer Steinschleuder bezwang. Über Jahrtausende hat die Gestalt des großen Königs von Israel die Phantasie der Menschen beschäftigt: Ein Kriegs- und Frauenheld, ein Dichter und Sänger, ein genialer Staatsmann, großer Untaten fähig, aber auch bereit zu tiefer Einsicht und Reue. Die Rückschau verklärte seine Epoche zu einem idealen Zeitalter. Bis heute erwarten viele Gläubige der jüdischen und christlichen Religion am Ende aller Tage ein Gottesreich nach dem Vorbild der Königsherrschaft Davids.

Ein Märchenkönig, eine Legendengestalt? Wer die alten Erzählungen im Original nachliest (in den Büchern Samuel des Alten Testaments), der ist erstaunt, wie schonungslos realistisch, lebensnah und nüchtern jene Zeit in der Bibel beschrieben wird. Es ist eine Zeit des politischen Umbruchs, in der Krieg und Mord, skrupelloser Machtpoker und politische Intrigen an der Tagesordnung sind. Am Ende steht ein geeintes Volk und ein neuer Staat, der unter der Führung eines genialen militärischen und politischen Strategen den halben Vorderen Orient beherrscht.

Tatsächlich haben wir es im Grundbestand dieser Erzählungen mit echten Zeugnissen früher Geschichtsschreibung zu tun. Historisch genau zitieren die Verfasser aus Hofchroniken und Verwaltungsannalen, die rund 950 Jahre vor Christus am Hof des großen Königs Salomo niedergeschrieben wurden. Die Ereignisse lagen damals erst wenige Jahrzehnte zurück und müssen den Zeitgenossen noch frisch in Erinnerung gewesen sein. Eine Fälschung oder völlige Verdrehung von Tatsachen verbot sich schon deshalb von selbst.

Natürlich ranken sich aber um die großen Gestalten der Geschichte auch schon zu ihren Lebzeiten Legenden und Anekdoten. Und eine Hofchronik wird darüberhinaus immer bemüht sein, die herrschende Dynastie in möglichst positivem Licht darzustellen. Für moderne Historiker wie für Journalisten ist es eine spannende Herausforderung, das Geschehen und die gesellschaftlichen Zustände jener Zeit, die Taten und Charaktere der beteiligten Personen wieder herauszuschälen und mit den Mitteln einer aktuellen Radio-Berichterstattung lebendig zu machen.

Holzstich: Ein junger Mann in flatterndem Umhang kniet auf einem am Boden liegenden riesenhaften, bärtigen Krieger in Schuppenpanzer und greift nach dessen Schwert; neben dem Liegenden ein Helm und ein Speer. Im Hintergrund kämpfende und fliehende Krieger mit Schilden und Speeren, oben auf einem Hügel Zelte und Bewaffnete.

Kapitel 2 Die Welt zur Zeit des Königs David

Die Landschaft zwischen Kleinasien und Ägypten an der Küste des Mittelmeers wird von den Historikern „Kanaan“ genannt: Ein Durchgangsland zwischen den großen Machtzentren in Mesopotamien, Kleinasien und Ägypten, die immer nach der Oberherrschaft über dieses Gebiet strebten. Geprägt wurde die Region durch ein loses Netzwerk selbständiger kleiner Stadtkönigtümer mit alter Geschichte und einer relativ einheitlichen kanaanäischen Kultur. Am Ende des zweiten Jahrtausends ist die Blütezeit dieser Stadtstaatenkultur vorüber. Viele Orte sind verlassen, andere auf das Niveau von Wehrdörfern zurückgefallen. Für einen kurzen Augenblick der Geschichte fällt auch der Einfluss der Weltmächte fort, weil die bisherigen Großreiche an Euphrat und Tigris, am Nil und in Kleinasien zusammengebrochen sind.

Historische Karte des Reiches König Davids zwischen Mittelmeerküste und Euphrat. Beschreibung siehe Text unter der Karte.
Das Reich König Davids (um 1000 vor Christus)
Kartenbeschreibung

Die Karte zeigt das Gebiet von der Mittelmeerküste bis zum Euphrat. Eine gestrichelte Linie umgrenzt das Reich Davids vom „Roten Meer“ bei Ezeon-Geber im Süden bis nach Syrien im Norden; eine gepunktete Linie reicht weiter bis Tiphsan am Euphrat und Thadmor.

An der Küste, von Norden nach Süden: Arvad, Byblos, Sidon, Tyrus, Akko, Dor, Japho, Asdod, Askalon und Gaza; im Norden die Landschaft Phönizien, im Süden Philistäa mit Gath.

Im Binnenland: Syrien mit Hamath am Orontes, Kades, Ribla, Hazar-Enon, Berothai und Damaskus; Israel mit Dan, Kabul, Megiddo, Beth-Sean, Sichem, Ramoth und Mahanaim; am Jordan Jericho; Juda mit Geser, Jerusalem, Hebron und Beer-Sheba.

Östlich und südlich: Ammon mit Rabba, Moab mit Zoar am Toten Meer, Amalek, Edom mit Bozra und Sela, dazu Kadesch und der „Bach Ägyptens“. Unten rechts steht in der Karte der Titel „Das Reich König Davids (um 1000 vor Christus)“.

In das entstandene Machtvakuum treten Bevölkerungsgruppen ein, die bisher am Rande der Geschichte standen: Zugewanderte Nomaden, Kleinbauern aus den Bergen und entwurzelte Städter. Sie schließen sich zu Stammesverbänden und Volksgemeinschaften zusammen. Einigen gelingt sogar die Gründung eigenständiger Königreiche.

Die Israeliten sind ein solcher Stämmebund, zusammengewachsen aus unterschiedlichen Einwanderergenerationen ärmlicher Kleinvieh-Nomaden und aus verachteten Randexistenzen der kanaanäischen Kulturgesellschaft. Die Ägypter nennen solche Gruppen verächtlich „Hapiru“ – Gesindel. Die Israeliten werden das Schimpfwort später als Ehrennamen tragen: Hebräer.

Schwarzweißfoto eines Steinreliefs: Kopf eines Mannes im Profil nach links mit hoher, federartig gerippter Kopfbedeckung und Stirnband.
Kriegsgefangener Philister Relief aus dem Palast Ramses III. in Medinet Habu (12. Jhdt. v. Chr.)

Bis zum Auftreten des genialen Staatsmanns David sieht die Realität für die israelitischen Stämme allerdings wenig rosig aus. Die großen fruchtbaren Landstriche in Mittelpalästina und an der Libanon-Küste sind noch im Besitz kanaanäischer und phönizischer Stadtstaaten. Aus dem Osten drohen Überfälle räuberischer Kamel-Beduinen. Der Süden wird vom Besatzungsregime der Philister ausgebeutet. Die waren 200 Jahre zuvor als „Seevölker“ nach einer gescheiterten Invasion von den Ägyptern in Palästina angesiedelt worden. Die Philister sind im Besitz der damals modernsten Kriegstechnik: Eisenwaffen und schnelle Streitwagen. Die Stammeskrieger der Israeliten haben dagegen nichts als Pfeile und Bogen, Bronzeschwerter und Holzschilde.

Ein erster Versuch, den im Kampf gegen die Philister erfolgreichen Guerillakrieger Saul zum König und ständigen Heerführer einzusetzen, endet in einer militärischen Katastrophe. Die Einigung der Stämme Israels und die Gründung eines dauerhaften Staatswesens gelingt erst einem Mann, der sich auf eine eigene, modern ausgerüstete Privatarmee stützen kann: dem Desperado und Söldnerführer David aus Bethlehem.

Kapitel 3 Ein Söldnerführer macht Karriere

Schwarzweißfoto einer Marmorstatue: ein nackter junger Mann mit lockigem Haar, stehend, das Gewicht auf dem rechten Bein, die linke Hand an der Schulter, den Kopf zur Seite gewandt.

Als junger Mann muss David seine Umwelt bezaubert haben. „Bräunlich und mit schönen Augen“ – so beschreiben ihn die biblischen Chronisten – „ein Meister des Saitenspiels, tapfer und waffengewandt, des Wortes mächtig und von schöner Gestalt.“ Der Schwarm aller Frauen Israels wird zum geheimen Mittelpunkt am Hof des depressiven Militärkönigs Saul. Der gibt ihm seine Tochter zur Frau und macht ihn zum Truppenführer und Kabinettsmitglied. Die Nachwelt wird ihm den Sieg über einen riesenhaften Kampfathleten der Philister zuschreiben – die Bibel nennt an versteckter Stelle einen anderen Sieger: einen Krieger Davids namens Elhanan (2. Sam. 21,19).

Historiker meinen, David sei von Anfang an ein Söldnerführer gewesen, den der glücklose Stammeskönig Saul mitsamt seiner persönlichen Kampftruppe für eine Zeit in seinen Dienst genommen hatte. Als diese Beziehung zerbrach, musste sich die aus Einzelkämpfern aller Länder zusammengewürfelte Schar eine Zeitlang durch Raubüberfälle über Wasser halten, ehe sie bei den Philistern ein neues Engagement fand.

Solche selbstorganisierten Legionärs-Verbände gab es zu jener Zeit viele. Ihre Anführer strebten danach, als Schutzherr über einen Landstrich oder eine Stadt engagiert zu werden, um später dort einmal ein erbliches Königtum einzurichten. David hat sich auf diesem Weg als ein unglaublich erfolgreicher Aufsteiger erwiesen. Im Dienst der Philister errang er das Königtum über die Städte Siklag und Hebron und ließ sich als „König von Judäa“ zum Herrscher über die israelitischen Südstämme wählen, später auch als „König von Israel“ über die noch von den Erben Sauls beherrschte Nord- und Ostregion.

Die tausendjährige Kanaanäerstadt Jerusalem eroberte er mit seinen persönlichen Gefolgsleuten und machte sie zu seinem privaten Herrschersitz. Da hatte er schon mit vereinigter Heeresmacht seine ehemaligen Philister-Freunde besiegt und tributpflichtig gemacht. Ihnen folgten die kanaanäischen Stadtkönigtümer im Binnenland und die Nachbarreiche der Edomiter, Ammoniter und Aramäer. In wenigen Jahren hatte der Mann aus Bethlehem ein orientalisches Großreich geschaffen – keinen Einheitsstaat, denn die einzelnen Länder waren ihm jeweils persönlich untertan.

Basis aller Erfolge blieb die allein auf David eingeschworene, modern ausgerüstete internationale Söldnertruppe, die – entsprechend ihrem Namen „Krethi und Plethi“ – wohl vor allem aus Kretern und Philistern bestand. Dazu kam natürlich Davids diplomatische und strategische Kreativität, gepaart mit einer großen Portion Charme und – Skrupellosigkeit.

Steinrelief: Ein Streitwagen mit großem Speichenrad, gezogen von einem galoppierenden Pferd; auf dem Wagen zwei Männer, einer mit Pfeil und Bogen.
Syrische Streitwagenkrieger Relief aus Gosan (ca. 850 v. Chr.)

Kapitel 4 Jerusalem wird „Davidstadt“

Wann die Stadt gegründet wurde, weiß niemand. Tausend Jahre vor David findet sich der Name auf ägyptischen Tonscherben, mit denen feindliche Orte im Nachbarland Kanaan mit einem religiösen Fluch belegt werden. Die 700 Jahre später eingewanderten Israeliten haben nie die militärische Macht besessen, solche gut befestigten Städte zu erobern. Diese blieben Fremdkörper in einem mehrheitlich von den Stammesverbänden besiedelten Land.

Dabei ist Jerusalem nach heutigen Begriffen damals nur eine Kleinstadt gewesen: Auf einem langgezogenen Hügelrücken gelegen, war sie nur etwa 75 Meter breit und 300 Meter lang – Platz für etwa 2.500 Bewohner. Doch ihre Mauern erhoben sich über zwei steilen Tälern und galten als unüberwindbar. „Lahme und Blinde reichen aus, um euch abzuwehren!“ – so spotteten die Verteidiger, als der inzwischen zum König beider Israel gewählte David sich an die Belagerung der damals „Jebus“ genannten Stadt machte.

David nahm die Stadt mit einer List. Wegen ihrer Hügellage war sie auf das Wasser einer Quelle im Tal angewiesen. Ein unterirdischer Gang führte dorthin – moderne Archäologen haben ihn freigelegt. Die Bibel berichtet: „Und David gab bekannt: Wer als erster durch den Schacht hinaufsteigt und die ‚Lahmen und Blinden‘ erschlägt, soll oberster Heerführer werden. Und Joab ben Zeruja stieg zuerst hinauf und wurde Hauptmann. Und David nahm seinen Wohnsitz in der Festung und nannte sie ‚Davidsstadt‘.“

Anders als üblich richteten die Eroberer kein Blutbad unter der Bevölkerung an. Jerusalem wurde Davids persönlicher Besitz, den alten Palast der Stadtkönige machte er zu seiner Residenz. Politisch gut durchdacht: Die neue Hauptstadt lag an der Schnittstelle der beiden Stammesverbände Juda und Israel. Und durch die Überführung des alten Stammesheiligtums der „Bundeslade“ wurde Jerusalem zugleich zur „Heiligen Stadt“ für alle Israeliten – bis heute.

Zeichnung eines Stadtmodells in Schrägansicht: Eine lang gestreckte, ummauerte Stadt mit dicht gedrängten Häusern zieht sich einen schmalen Hügelrücken entlang; oben ein größerer Bau mit Turm, dahinter eine Anhöhe mit Bäumen.
Jerusalem zur Zeit Davids (Rekonstruktion)

Kapitel 5 Der Hauptstadteinzug der Bundeslade – Nach dem Bericht der Bibel

Strichzeichnung in Blau nach einem Relief: Ein Zug von Musikern mit großen Harfen und Saiteninstrumenten schreitet nach rechts, dahinter Frauen und Kinder, die in die Hände klatschen oder die Arme erheben.
Musikkapelle (Ninive 7. Jhdt. v. Chr.)

„Und David berief den ganzen Heerbann Israels ein, dreißigtausend Mann und zog nach Baala in Juda, um die Lade Gottes von dort heraufzuholen. Sie setzten die Lade auf einen neuen Wagen, und David und ganz Israel zogen im Reigentanz vor dem Herrn her. Sie sangen mit aller Kraft, begleitet mit Harfen und Psaltern, mit Trommeln, Schellen und Zimbeln.

Und als sie zur Tenne Nachons kamen, griff Ussa zu und hielt die Lade Gottes fest, weil die Rinder ausgeglitten waren. Da traf ihn der Schlag Gottes, weil er die Lade berührt hatte, und er starb auf der Stelle. Und David geriet in Furcht vor dem Herrn und ließ die Lade im Gehöft eines Mannes aus Gath unterstellen.

Und Gott segnete den Mann aus Gath und sein ganzes Haus. Als man dem König dies berichtete, zog er hin und brachte die Lade mit Freuden in die Davidsstadt hinauf. Und immer wenn die Träger der Lade Gottes sechs Schritte getan hatten, opferte man einen Stier und ein fettes Kalb. Und David tanzte mit aller Kraft vor dem Herrn und war dabei nur mit einem hauchdünnen Priestergewand bekleidet. So führten David und das ganze Israel die Lade Gottes in die Stadt mit Jauchzen und Trompetenschall.

Und sie stellten die Lade in das von David eingerichtete Zeltheiligtum. Und David feierte ein großes Opferfest vor dem Herrn. Danach segnete er das Volk im Namen Gottes und ließ an jedermann Brot, Dattelgebäck und Rosinenkuchen austeilen. Danach kehrte alles Volk heim, ein jeder in sein Haus“ (2. Buch Samuel, Kapitel 6)

Kapitel 6 Ein Nomadengott setzt sich zur Ruhe

Hoher, oben abgerundeter Stein mit rauer Oberfläche; im oberen Teil eine Mondsichel, darunter zwei lange, nach oben gestreckte Arme mit gespreizten Fingern als Relief.
Gedenkstein eines alten Heiligtums (1500 v.Chr.) mit betend erhobenen Händen.

Die Bundeslade: Nach den ersten Überlieferungen der Bibel war sie ein truhenähnlicher Holzkasten mit seitlich angebrachten Bronzeringen, durch die man zwei Tragestangen durchschieben konnte. Ein transportables Stammes-Heiligtum, mit dem auf eine unerklärbare Weise die Nähe des unsichtbaren Gottes der Israeliten verbunden war. Im Kampf wurde sie dem Aufgebot der Stammeskrieger vorangetragen, um einen heillosen „Gottesschrecken“ unter den Feinden zu verbreiten. Später, als sie von Salomo zwischen zwei geflügelte Cheruben in das Allerheiligste seines Tempels gestellt wurde, galt sie als eine Art Fußbank unter dem unsichtbaren Thron des Allerhöchsten. Dazu kam die Spekulation auf, in ihr seien die Tafeln der Zehn Gebote aufbewahrt, die Moses auf dem Berg Sinai empfangen hatte.

Aus wievielen Stammesgruppen unterschiedlicher Herkunft und Geschichte das spätere Volk Israel auch zusammenwuchs: Die gemeinsame Gottesvorstellung war geprägt von den religiösen Grunderfahrungen einiger weniger Familienclans. Die Erzählungen von einem unsichtbaren Gott, der sich den Vätern in grauer Vorzeit offenbart hatte und mit ihnen in ein unbekanntes Land aufgebrochen war – sie gingen in das Geschichtsbild der ganzen Gemeinschaft ein. Das Erlebnis einer wunderbaren Befreiung aus ägyptischer Sklaverei wurde zum Symbol des Aufstiegs aus einer land- und rechtlosen Randexistenz zu einer stolzen und einflussreichen Nation. Die Erinnerung an eine Gottesoffenbarung auf dem Sinai wurde zur religiösen Vertragsgrundlage für die ganze Volksgemeinschaft: Ihr sollt keine anderen Götter haben neben mir.

Der Gott der Israeliten war unsichtbar und allgegenwärtig. Das unterschied ihn von allen Göttern und Göttinnen der damaligen Welt. Man brauchte keinen Tempel und keine Priesterschaft, keine heiligen Schriften, Gewänder oder Geräte, um mit ihm in Verbindung zu treten. Man musste nicht einmal ein vorbildlicher Mensch sein – das zeigen die biblischen David-Geschichten sehr plastisch. Die einzige menschliche Qualität auf die es ankam, war Vertrauen. Von dieser religiösen Grundhaltung ist der jüdische und christliche Glaube bis heute geprägt: Jeder Mensch kann eine eigene unmittelbare Beziehung zu Gott haben, niemand hat das Recht, hier eine Mauer von Geboten und Vorbedingungen aufzurichten. Kein Mensch und keine Institution darf sich selbst zum Heilsvermittler ernennen, um Menschen in religiöser Unmündigkeit und Abhängigkeit zu halten.

Zeichnung nach einem Steinrelief: Brustbild einer Gestalt mit Stirnband, die ein kleines Tier vor der Brust hält.
Opfernder Hirte (ca. 1800 v.Chr.)

Die alten Stammesverbände begingen ihre religiösen Feste an traditionellen Opferplätzen, die überall im Land verstreut waren. Einfache Bruchstein-Altäre und aufgerichtete Steine erinnerten an frühere Gottesbegegnungen. Mit der Einholung der Bundeslade nach Jerusalem und dem späteren Tempelbau des Salomo wurde ein Prozess eingeleitet, der die alten Opferstätten immer weiter in den Hintergrund treten ließ, bis die Heilige Stadt schließlich zum einzigen religiösen Zentrum aller Juden wurde.

Hörprobe zum Nachlesen: „Das Einheitsfest in Jerusalem“

Textfassung der Hörprobe (3:56 Min.), die auch den Ton des Kurzfilms bildet. Maschinell transkribiert und redaktionell überarbeitet; einzelne Namen und Wendungen können vom gesprochenen Original abweichen.

Textfassung anzeigen

Am anderen Ende, am Mikrofon, am Ü-Wagen, irgendwo steht Jörg Schumacher. Er ist dort, wo sich der Festzug formiert. Und er ist, das muss man sagen, ein Kollege, den wir nicht mitgebracht haben, im Gegensatz zu den vielen anderen, die Sie noch hören werden [Wortlaut unsicher]. Er ist ein Vertreter der „Stimme Israels“, und ich weiß schon, dass er vor Stolz und Freude zittert.

Ja, und das ist wahr, denn ein großer Tag ist angebrochen, Juliane Bartel. Ein großer Tag für unser Volk. Wenn es so etwas gibt wie den Atem der Geschichte, so muss man ihn hier spüren. Hier im Kidrontal vor den Toren der Stadt, hier auf dem Aufmarschplatz, wo sich zum ersten Mal seit so vielen Jahren alle Stämme unseres Landes aus Nord, aus Süd, aus Ost und West versammelt haben. Wir sind im Aufbruch. In diesem Moment ziehen die Leviten, alles auserwählte Männer, bunt geschmückte Stangen durch die mächtigen Bronzeringe der Heiligen Lade, und die Ehrengarde König Davids formiert sich. Gleich wird auch er zu sehen sein. Alle sind voller großer Erwartung. Die Stimmung ist feierlich, fröhlich zugleich, und in den Gesichtern entdecke ich auch Stolz. Stolz über die neu gewonnene Einheit unter unserem König.

Und immer wieder bilden sich Sprechchöre. Hören Sie sie nicht, wie sie sich im Hintergrund formieren? Sie werden immer lauter. Sie rufen: „Wir sind ein Volk, wir sind das Volk!“ Wir sind eben ein Volk im Aufbruch. Wir geleiten die Bundeslade [Wortlaut unsicher] in die Hauptstadt. Aber nicht nur das: Dieses Signal, das König David in wenigen Minuten geben wird, ist für uns alle mehr als der Start eines Festumzuges. Alle erwarten, dass dieses gleichnishaft auch der Aufbruch in eine verheißungsvolle Zukunft unseres geeinten Volkes ist.

Eine fast politische Rede. Ich bedanke mich bei der „Stimme Israels“ hierfür. Er stand am Stadttor. Ich will Ihnen schnell dazwischen sagen, wie das hier ungefähr aussieht. Wir sitzen auf dem Söller. Auf dem Söller eines wirklich großen alten Palastes, der renoviert worden ist. Das ist der Palast der Stadtkönige. David hat ihn bezogen, nachdem er sehr schön und aufwendig renoviert worden ist. Also nur damit Sie so ungefähr wissen, dass ich fast alles im Blick habe, nur den Festplatz nicht. Der wird, also mein Blick, gestört durch den Harem. Der Harem ist auch neu erbaut. Aber in ihm haben wir die wirklich recherchierende Kollegin, will ich mal sagen, Inge Bongers geparkt.

Ja, hallo, ich melde mich jetzt hier aus dem Harem von König David. Der ist jetzt ganz nett geworden. Ich hasse ja an sich solche Paläste, ich kann sie nicht ausstehen. Aber unsere Handwerker aus Tyrus, die haben das hier ganz gemütlich und ganz stilvoll hingekriegt. Und deswegen kann man es aushalten. Sie hören die vielen Frauen im Hintergrund. Aber wir bewegen uns von hier gleich weg und gehen oben aufs Dach, denn die Frauen wollen natürlich auch den Einzug sehen. Und von da melde ich mich dann auch wieder.

Bei mir wird es jetzt langsam hier vor meinem Ausguck auch ein bisschen laut. Na klar, dass das Fest überschwappt. Hier bei mir in meinem, na ja, künstlichen Studio sitzt Manfred Voegele. Sie kennen ihn schon. Ich habe ihn, wenn möglich, immer, wenn es um diese Israeliten geht, die ich nach wie vor nicht richtig verstehe, muss ich schon sagen – also mein phönizischer Kopf steht mir dazwischen –, bei mir, um zu erklären, um zu erklären: Was ist denn das hier eigentlich? Er will nämlich ein dickes, dickes Buch verfertigen und alles, was hier passiert, für die Nachwelt niederschreiben [Wortlaut unsicher]. Also erst mal dieses Fest von heute, Manfred: Können wir das mit einem Wort oder auch mit einem Satz oder anderthalb Sätzen etwas klarer machen? Wer wird hier mit wem vereint?

Also, was sich eint, sind die Stämme, die bisher hinter den Bergen jeder für sich gelebt hat, in einer ziemlich archaischen Verfassung. Die haben sich geeint und ein neues Staatswesen gebildet und haben die alten kanaanäischen [Wortlaut unsicher] Städte, die hier schon seit Jahrtausenden bestanden, mit einbezogen. Jetzt wächst ein neuer Einheitsstaat, der sozusagen das ganze Kanaan, das ganze Land an der Küste zum Mittelmeer hin, einnehmen wird. Und dieser Staat, der neue Staat, wird wenigstens geistig eine Macht sein, die die ganze Gesellschaft hier um uns herum verändern wird. Das sage ich voraus.

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