CD-Cover „Hier spricht Radio Tyrus“, Volume 2: König David: Ein Volk – ein Reich – ein Führer

König David: Ein Volk – ein Reich – ein Führer

Hauptstadt-Einzug in Jerusalem – eine Live-Sendung aus dem Jahre 997 v. Chr.

Hörprobe „Das Einheitsfest in Jerusalem“

0:00 / 3:56
Schauplatz
Jerusalem
Zeit
997 v. Chr.
Beiträge
18 Titel
Gesendet
Tag der Deutschen Einheit 1997, dreistündiges Programm im Stadtradio BERLIN 88,8 des Senders Freies Berlin

Worum es geht

Wenige Geschichten der Bibel sind noch so bekannt wie die vom Hirtenknaben David, der den Riesen Goliath mit einer Steinschleuder bezwang. Über Jahrtausende hat die Gestalt des großen Königs von Israel die Phantasie der Menschen beschäftigt: Ein Kriegs- und Frauenheld, ein Dichter und Sänger, ein genialer Staatsmann, großer Untaten fähig, aber auch bereit zu tiefer Einsicht und Reue. Die Rückschau verklärte seine Epoche zu einem idealen Zeitalter. Bis heute erwarten viele Gläubige der jüdischen und christlichen Religion am Ende aller Tage ein Gottesreich nach dem Vorbild der Königsherrschaft Davids.

Gelegenheit für die Journalisten des altphönizischen Rundfunks Radio Tyrus, sich mit der Geschichte des Nachbarvolkes und ihres neuen Königs näher zu beschäftigen: Ein Söldnerführer aus einfachsten Verhältnissen, der mit politischer Klugheit und militärischem Geschick ein orientalisches Grossreich zusammengerafft hat. Ein Stammesverband ärmlicher Kleinviehnomaden und Bauern, der nun als Volk Israel in die Weltgeschichte eintritt.

Ein Märchenkönig, eine Legendengestalt? Wer die alten Erzählungen im Original nachliest (in den Büchern Samuel des Alten Testaments), der ist erstaunt, wie schonungslos realistisch, lebensnah und nüchtern jene Zeit in der Bibel beschrieben wird. Es ist eine Zeit des politischen Umbruchs, in der Krieg und Mord, skrupelloser Machtpoker und politische Intrigen an der Tagesordnung sind. Am Ende steht ein geeintes Volk und ein neuer Staat, der unter der Führung eines genialen militärischen und politischen Strategen den halben Vorderen Orient beherrscht. David hat die Stämme Israels zu einem mächtigen Reich vereinigt und gibt dem Land eine neue Hauptstadt: Jerusalem. In einem feierlichen Zug führt er die Bundeslade, das uralte Stammesheiligtum seines Volkes, in die neu eroberte Stadt.

Unter den kritischen Augen der Reporter treten auch die verdeckten Widersprüche ans Licht: Festjubel und Einheitskater, strahlendes Heldentum und skrupelloser Machtmissbrauch, fromme Ergriffenheit und religiöse Propaganda, echte Liebe und finstere Haremsintrigen. Was hat das mit dem gemeinsamen Stammesgott Jahwe zu tun, an dem die Israeliten gegen alle kulturellen Bräuche der Umwelt hartnäckig festhalten?

Hörprobe zum Nachlesen: „Das Einheitsfest in Jerusalem“

Textfassung der Hörprobe (3:56 Min.). Maschinell transkribiert und redaktionell überarbeitet; einzelne Namen und Wendungen können vom gesprochenen Original abweichen.

Textfassung anzeigen

Am anderen Ende, am Mikrofon, am Ü-Wagen, irgendwo steht Jörg Schumacher. Er ist dort, wo sich der Festzug formiert. Und er ist, das muss man sagen, ein Kollege, den wir nicht mitgebracht haben, im Gegensatz zu den vielen anderen, die Sie noch hören werden. Er ist ein Vertreter der „Stimme Israels“, und ich weiß schon, dass er vor Stolz und Freude zittert.

Ja, und das ist wahr, denn ein großer Tag ist angebrochen, Juliane Bartel. Ein großer Tag für unser Volk. Wenn es so etwas gibt wie den Atem der Geschichte, so muss man ihn hier spüren. Hier im Kidrontal vor den Toren der Stadt, hier auf dem Aufmarschplatz, wo sich zum ersten Mal seit so vielen Jahren alle Stämme unseres Landes aus Nord, aus Süd, aus Ost und West versammelt haben. Wir sind im Aufbruch. In diesem Moment ziehen die Leviten, alles auserwählte Männer, bunt geschmückte Stangen durch die mächtigen Bronzeringe der Heiligen Lade, und die Ehrengarde König Davids formiert sich. Gleich wird auch er zu sehen sein. Alle sind voller großer Erwartung. Die Stimmung ist feierlich und fröhlich zugleich, und in den Gesichtern entdecke ich auch Stolz. Stolz über die neu gewonnene Einheit unter unserem König.

Und immer wieder bilden sich Sprechchöre. Hören Sie sie nicht, wie sie sich im Hintergrund formieren? Sie werden immer lauter. Sie rufen: „Wir sind ein Volk, wir sind das Volk!“ Wir sind eben ein Volk im Aufbruch. Wir geleiten die Bundeslade in die Hauptstadt. Aber nicht nur das: Dieses Signal, das König David in wenigen Minuten geben wird, ist für uns alle mehr als der Start eines Festumzuges. Alle erwarten, dass dies gleichnishaft auch der Aufbruch in eine verheißungsvolle Zukunft unseres geeinten Volkes ist.

Eine fast politische Rede. Ich bedanke mich bei der „Stimme Israels“. Er stand am Stadttor. Ich will Ihnen schnell zwischendurch sagen, wie das hier ungefähr aussieht. Wir sitzen auf dem Söller des großen alten Palastes, der renoviert worden ist. Das ist der Palast der Stadtkönige. David hat ihn bezogen, nachdem er sehr schön und aufwendig renoviert worden ist. Nur damit Sie so ungefähr wissen: Ich habe fast alles im Blick, nur den Festplatz nicht. Mein Blick wird gestört durch den Harem. Der Harem ist auch neu erbaut. Aber in ihm haben wir die wirklich recherchierende Kollegin, will ich mal sagen, Inge Bongers geparkt.

Ich melde mich jetzt hier aus dem Harem von König David. Der ist jetzt ganz nett geworden. Ich hasse ja an sich solche Paläste, ich kann sie nicht ausstehen. Aber unsere Handwerker aus Tyrus, die haben das hier ganz gemütlich und ganz stilvoll hingekriegt. Deswegen kann man es aushalten. Sie hören die vielen Frauen im Hintergrund. Aber wir bewegen uns von hier gleich weg und gehen oben aufs Dach, denn die Frauen wollen natürlich auch den Einzug sehen. Von da melde ich mich dann auch wieder.

Hier bei mir im Studio [Wortlaut unsicher] sitzt Manfred Voegele. Sie kennen ihn schon. Ich habe ihn möglichst immer bei mir, wenn es um diese Israeliten geht, die ich nach wie vor nicht richtig verstehe, muss ich schon sagen – mein phönizischer Kopf steht mir dazwischen –, um zu erklären: Was ist denn das hier eigentlich? Er will nämlich ein dickes, dickes Buch verfertigen und alles, was hier passiert, niederschreiben. Also erst mal dieses Fest von heute, Manfred: Können wir das mit einem Wort oder auch mit einem Satz oder anderthalb Sätzen etwas klarer machen? Wer wird hier mit wem vereint?

Also, was sich eint, sind die Stämme, die bisher hinter den Bergen jeder für sich gelebt haben, in einer ziemlich archaischen Verfassung. Die haben sich geeint und ein neues Staatswesen gebildet und haben die alten kanaanäischen Städte, die hier schon seit Jahrtausenden bestanden, mit einbezogen. Jetzt wächst ein neuer Einheitsstaat, der sozusagen das ganze Kanaan, das ganze Land an der Küste zum Mittelmeer hin, einnehmen wird. Und dieser neue Staat wird wenigstens geistig eine Macht sein, die die ganze Gesellschaft hier um uns herum verändern wird. Das sage ich voraus.

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