Chronik eines angekündigten Todesurteils

Der Prozess gegen Jesus von Nazareth in einer Live-Sendung aus dem Jahre 32 n. Chr.

Kurzfilm „Jesus und Barabbas“ 3:02 Min. · mit Untertiteln

Bilder KI-generiert, angelehnt an die Vorlagen im CD-Beiheft (Ecce-homo-Radierung, Stadtmodell Jerusalem). Ton: Original-Hörprobe.

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Hörprobe „Jesus und Barabbas“

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Schauplatz
Jerusalem
Zeit
32 n. Chr.
Beiträge
17 Titel
Gesendet
Karfreitag 1998, dreistündiges Programm im Stadtradio BERLIN 88,8 des Senders Freies Berlin

Worum es geht

Jerusalem, am Vormittag des ersten Karfreitags: Mehr als hunderttausend Pilger sind zum Passahfest in der Stadt, als die Tempelbehörde den unbequemen Prediger aus Galiläa verhaften lässt. Die Reporter von Radio Tyrus begleiten live, wie der Religionsprozess, das Verhör bei Pontius Pilatus und die Frage „Jesus oder Barabbas“ in ein Todesurteil münden – mit Korrespondentenberichten, Studiogesprächen und Nachrichten.

Ausführlicher Hintergrund: die Texte aus dem CD-Beiheft

Pressestimmen

Die mitreißende, aber auch erschreckende Gegenwärtigkeit des Prozesses zeigt, dass diese Geschichte so alt gar nicht ist.

Ute Henning, Rezension „Hörwelt“, 1998

Liebevoll aufbereitet wird die Gratwanderung bewältigt, dieses Thema so anzugehen, dass es seine Würde behält, aber gleichzeitig so spannend wie eine Liveberichterstattung von der Watergate-Affäre bleibt.

Ute Henning, Rezension „Hörwelt“, 1998

Sehr interessant gemacht, innovativ und brisant – und eine besondere Art, dieses doch recht oft behandelte Thema neu anzufassen. Man hört Liveberichte aus Kaiphas’ Palast, Augenzeugenberichte und Expertenkommentare.

hoerOthek.de

Das war ein schönes und eindrucksvolles Beispiel für das, was Hörfunk vermag, wenn er Geschichte mit aktuellen Mitteln transponieren will, und ich wiederhole meinen von Bewunderung grundierten aufrichtigen Glückwunsch.

Peter Wapnewski, Germanist

Begleitheft zur CD · Vol. 1

Aus dem Beiheft

Die Begleittexte und Abbildungen aus dem gedruckten Heft zur CD „Chronik eines angekündigten Todesurteils“. Der Wortlaut folgt dem Heft einschließlich seiner Schreibweisen; nur die Typografie wurde vereinheitlicht und offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.

Kapitel 1 Ein Wanderprediger vor Gericht

Als Jesus zum Passahfest nach Jerusalem kommt, empfangen ihn seine Landsleute aus Galiläa mit einem übermütigen Triumphzug. Mehr als hunderttausend Pilger sind aus allen Teilen des Römischen Reiches angereist, um das größte jüdische Fest in der Heiligen Stadt zu feiern. Eine Woche lang verkündet ihnen Jesus seine Botschaft von der Liebe Gottes, ständig bewacht von Spitzeln der jüdischen Glaubensbehörde. Sie suchen nach Beweisen, um den unbequemen Prediger als Ketzer anzuklagen. Jesus stellt sich der Konfrontation: In einer drastischen Symbolhandlung fällt er über den Kultwaren-Markt des Tempels her und vertreibt die Händler aus dem Heiligtum.

Die jüdische Führung fürchtet, der Armenprediger aus Nazareth könnte zur Leitfigur aller Unzufriedenen im Land werden und die schwierige politische Balance mit der Römischen Besatzungsmacht gefährden. So fasst der Hohe Rat in Jerusalem einen Grundsatzbeschluss: Besser, einen Einzelnen zu opfern als das ganze Volk ins Unglück laufen zu lassen.

Die Männer um den regierenden Hochpriester Kaiphas fürchten, es könnte unter den religiös aufgeheizten Pilgermassen zu Unruhen kommen, die nach dem Einschreiten römischer Truppen zu einem Bürgerkrieg eskalieren könnten. Sie verständigen die römische Besatzungsmacht: Um einen möglichst großen Abschreckungseffekt zu erzielen, wollen sie den Mann aus Nazareth noch vor Festbeginn verhaften und hinrichten lassen.

Jesus kennt die Pläne seiner Gegner. Schon am Abend vor dem Fest feiert er mit seinen Freunden ein improvisiertes Passahmahl. Später werden sie es als letztes Vermächtnis ihres Meisters in Erinnerung behalten. Für die Nacht zieht die Gruppe an den Fuß des Ölbergs, wo man sich unter den im Freien kampierenden Festpilgern sicher fühlen kann.

Aber die Behörden kennen den Treffpunkt der Jesus-Leute. Ein Mann aus dem engsten Jüngerkreis hat sich ihnen als Belastungszeuge angeboten. Mit seiner Hilfe umstellt ein nächtliches Sonderkommando das Gelände. Doch es kommt nicht zum Kampf. Jesus stellt sich den Verfolgern selbst, seine Anhänger fliehen. Ihr Anführer Petrus wird sich in dieser Nacht seines Meisters so schämen, dass er mehrfach leugnet, ihn überhaupt zu kennen.

Radierung in Schwarz: In einem dunklen Portal stehen nebeneinander links ein Mann mit großem Turban und langem Gewand, dahinter ein Mann mit einem Schriftblatt, rechts daneben Jesus mit nacktem Oberkörper und vor dem Leib zusammengelegten Händen; am rechten Rand Bewaffnete mit Lanzen.

Kapitel 2 Der Religionsprozess

Ein religiöser Lehrer, der eine seit tausend Jahren überlieferte Religion erneuern will, wird immer auf den erbitterten Widerstand der herrschenden Autoritäten stoßen. Der Rabbiner Jesus von Nazareth spricht die Liebe Gottes den Menschen zu, die von den etablierten Glaubensverwaltern einer Zuwendung Gottes nicht mehr für würdig gehalten wurden: den Armen und Ungebildeten, den schuldig Gewordenen und innerlich Zerbrochenen, den Kranken, Besessenen und gesellschaftlich Geächteten.

Von dem neuen Propheten aus Galiläa geht eine verändernde Kraft aus – das können selbst die etablierten Religionswächter nicht abstreiten. Sie beschuldigen ihn, seine Wunder mit Hilfe satanischen Mächten zu vollbringen. Und weil das einfache Volk Jesus liebt, denunzieren sie ihn als Volksverführer, der den Abfall vom wahren Glauben predigt. Schon früh werden in der zentralen Glaubensbehörde in Jerusalem Indizien für einen Ketzerprozess gesammelt. Doch der Verdächtige entwaffnet die Inquisitoren durch eine überzeugende Schriftgelehrsamkeit. Und eine Verhaftung in seiner Heimat Galiläa würde die traditionellen Vorbehalte der dortigen Bevölkerung gegen die religiöse Führung in der Hauptstadt nur verstärken.

Doch mit seinem Auftreten in Jerusalem gibt sich der Rabbi aus Nazareth seinen Feinden selbst in die Hand. Noch in der Nacht der Verhaftung wird er vom früheren Hochpriester Hannas verhört, dem einflussreichen „alten Mann“ der jüdischen Innenpolitik. Der versucht ergebnislos, Jesus als Gründer eines religiös-politischen Geheimbundes zu entlarven. Danach findet eine Beweisaufnahme vor dem inneren Kreis der jüdischen Autonomiebehörde statt. Dieser „Hohe Rat“ ist zugleich das oberste jüdische Religionsgericht. Belastungszeugen werden angehört, die Jesus der Sabbatschändung und einer Verächtlichmachung des Heiligen Tempels bezichtigen.

Doch die Aussagen widersprechen sich, der Prozess ist schon in seiner Anfangsphase in einer Sackgasse. Da ergreift Hochpriester Kaiphas selbst die Initiative. Ihm gelingt es, Jesus zu einer Äußerung zu bewegen, die er sofort als Gotteslästerung identifizieren kann: Darauf steht der Tod. Doch für ein ordentliches Urteil nach den jüdischen Rechtsvorschriften reicht die Zeit nicht mehr. So kann eine eilig einberufene Vollversammlung des jüdischen Autonomierats nur noch formlos beschließen, Jesus der Besatzungsmacht auszuliefern und seine baldige Hinrichtung zu fordern.

Radierung in Schwarzbraun: In der Mitte steht Jesus mit Lichtschein um den Kopf und erhobener Hand vor einem dunklen Hintergrund; links drängen sich Männer mit Turbanen und Mützen, im Vordergrund liegen und knien Kranke und Gebrechliche, rechts eine Gruppe Bittender.

Kapitel 3 Die Heilige Stadt

Der Ursprung der Stadt Jerusalem liegt in grauer Vorzeit. 1000 Jahre vor dem Auftreten des Jesus von Nazareth machte König David Jerusalem zur politischen und kultischen Hauptstadt des neugeschaffenen Großreiches Israel. Sein Sohn Salomo baute den berühmten Tempel, der 400 Jahre später unterging, als die Babylonier den letzten Rest des israelitischen Staates zerstörten und einen großen Teil der Bevölkerung nach Babylon umsiedelten.

Fünfzig Jahre danach begannen die ersten Rückkehrer mit dem Wiederaufbau. Aber die Stadt und die Nation der Juden sollten nie wieder den Glanz und die Größe der frühen Königszeit erreichen. Für hundert Jahre erkämpfte man sich unter dem Geschlecht der Makkabäer noch einmal die Freiheit von fremder Vorherrschaft. Doch das Land zerfleischte sich selbst in dynastischen und religiösen Bürgerkriegen. Erst die Eroberung durch den Römischen Feldherrn Pompejus gab Jerusalem den Frieden wieder – 60 Jahre vor der Geburt des Jesus von Nazareth.

Schwarzweiße Zeichnung aus der Vogelschau: Die ummauerte Stadt Jerusalem mit dicht gedrängten Häusern, Straßenzügen und großen Palast- und Tempelanlagen, rechts hinter der Stadtmauer ein Berghang. Im Bild sind die Buchstaben A, B, C und D eingetragen.Vollansicht
Jerusalem zur Zeit des Jesus von Nazareth: Vorn der Herodespalast, Amtssitz des Römischen Statthalters Pilatus (a). Oben der weitläufige Tempelkomplex (b), dahinter die Hänge des Ölbergs. Unterhalb der Tempelmauer der alte Königspalast, Stadtresidenz des galiläischen Fürsten Herodes Antipas (c). Im Einschnitt der Stadtmauer der kahle Felsen Golgatha (d), der den Römern als Hinrichtungsstätte diente.

Das Jerusalem des Jesus von Nazareth galt als eine der schönsten Städte jener Zeit. Zu verdanken war das Herodes dem Großen, der sich im Schutze Roms zum Großkönig über die jüdischen Provinzen aufgeschwungen hatte. Am Ort des früheren Salomo-Heiligtums ließ er einen prachtvollen Tempelkomplex von riesigen Ausmaßen errichten. Durch neue Stadtmauern, Paläste, Märkte, Amphitheater und Sportstadien gab er der Stadt ein modernes Aussehen nach griechisch-römischem Zeitgeschmack.

Drei religiös-politische Gruppen prägten das Meinungsklima: Der Frömmigkeitsbund der Pharisäer gewann seine Glaubwürdigkeit aus dem angestrengten Bemühen, ein sittlich reines und von religiösen Ordnungen geprägtes Leben zu führen. Die liberale Großbürgerschicht der Sadduzäer öffnete sich der griechischen Kultur und setzte auf einen friedlichen Ausgleich mit der Besatzungsmacht. Der religiöse Laienorden der Essener verstand sich als Bruderschaft, die in frommer Reinheit auf eine kommende Erlösung wartete.

Zu den rund 80.000 Bewohnern Jerusalems zählten aber auch viele nichtjüdische Bürger. Diesen griechisch gebildeten „Heiden“ galt der Hass fundamentalistischer jüdischer Religionseiferer, die von der Errichtung eines von allen fremden Einflüssen gereinigten Gottesstaates träumten. Manche unter ihnen schlossen sich terroristischen Untergrundbewegungen an. Hunderte von ihnen wurden nach misslungenen Aufstandsversuchen jährlich als abschreckendes Beispiel von den Römern ans Kreuz geschlagen.

Kapitel 4 Das Römische Weltreich

Rote Strichzeichnung einer runden Münze: Kopf eines Mannes mit Lorbeerkranz im Profil nach rechts, ringsum eine lateinische Umschrift.
Tiberius, Röm. Kaiser (14–37 n. Chr.)

Zur Zeit des Jesus von Nazareth reicht die Römische Weltherrschaft von Belgien bis Mauretanien, von Spanien bis Armenien, von der Donau bis zum Nil. Auf 60 Millionen schätzt man die Zahl der Menschen, die in einem weitgehend einheitlichen Bildungs- und Rechtssystem leben. Die Verehrung der alten griechisch-römischen Staatsgötter gilt im ganzen Reich als Bürgerpflicht.

Ein Volk allein entzieht sich der geforderten Ehrung der Reichsgötter. Seit über tausend Jahren hält die Nation der Juden einem einzelnen unsichtbaren Gott die Treue und lässt sich auch durch härteste Verfolgungen nicht davon abbringen. Um des Reichsfriedens willen muss der Römische Staat den Juden schließlich einen religiösen Sonderstatus gewähren.

Die Gesamtzahl der Juden im Römischen Reich schätzt man zu Jesu Zeit auf sieben Millionen. Nur ein geringer Teil lebt noch in der alten Heimat Palästina. Allein in Rom leben 15.000 Juden, in Ägypten werden sie von den Steuerbehörden auf 1 Million geschätzt. Religiös und politisch sind sie weiterhin nach Jerusalem orientiert. Dorthin zahlen sie eine eigene Tempelsteuer – ein Privileg des Römischen Staates wie die Befreiung vom Militärdienst und die Genehmigung, unabhängige Kultgemeinden zu gründen. Die religiöse und kulturelle Sonderstellung der Juden verursacht auch antisemitische Stimmungen im Reich. Andererseits fühlten sich viele gebildete Römer vom strengen Monotheismus der jüdischen Religion angezogen und nahmen als Gastgläubige am Gemeindeleben teil.

Herrscher des Römischen Weltreichs ist zur Zeit des Jesus von Nazareth der misstrauische Sonderling Tiberius. Für eine Zeit wird sein antisemitischer Stabschef Sejan mächtigster Mann im Staat. Mit seiner Unterstützung schürt der Römische Gouverneur Pontius Pilatus die Spannungen in der von ihm verwalteten Provinz Judäa. Es kommt zu Aufständen, die blutig niedergeschlagen werden. Ein Jahr vor der Verhaftung des Jesus von Nazareth wird der Judenhasser Sejan in Rom entmachtet und als Hochverräter hingerichtet. Seitdem muss auch sein Freund Pilatus im fernen Palästina um Amt und Leben fürchten.

Die von Pilatus verwaltete Provinz Judäa ist zur Zeit Jesu nur ein Teil des von Juden bewohnten Palästina. Nach dem Tod des großen Herodes war die Region um Jerusalem in römische Direktverwaltung zurückgefallen. Die karge Berglandschaft Galiläa im Norden, in der Jesus seine Predigttätigkeit begann, wurde weiterhin von einem Sohn des großen Herodes regiert. Dieser Kleinfürst Herodes Antipas stand seinem Römischen Kollegen Pilatus an Grausamkeit in nichts nach. Auf sein Konto geht die Ermordung Johannes des Täufers, eines Vorläufers des Volkspredigers Jesus.

Rote Karte des Römischen Reiches rund um das Mittelmeer. Beschreibung siehe Text unter der Karte.Vollansicht
Das Römische Reich zur Zeit des Jesus von Nazareth
Kartenbeschreibung

Die Karte zeigt Europa, Nordafrika und Kleinasien rund um das Mittelmeer; Meere sind waagerecht schraffiert, die Grenzen der Provinzen gestrichelt.

Im Westen: Britania, Lusitania, Baetica und Tarraconensis auf der Iberischen Halbinsel, Aquitania, Lugdunensis, Belgica und Narbonensis in Gallien; gegenüber in Afrika Mauretania.

In der Mitte: Raetia, Noricum und Pannonia nördlich der Alpen, Italia mit Rom, Sardinia et Corsica und Sicilia, östlich der Adria Illyricum.

Im Osten: Moesia, Thracia, Macedonia und Achaia auf dem Balkan, Creta, in Kleinasien Asia, Bithynia et Pontus, Galatia, Lycia, Pamphylia, Cappadocia sowie weitere kleine Gebiete; Cyprus und Cilicia et Syria.

Ganz im Südosten ist Jerusalem mit einem Punkt markiert; unten am Rand beginnt der Name Africa. Oben rechts der Kartentitel „Das Römische Reich zur Zeit des Jesus von Nazareth“.

Kapitel 5 Jesus vor Pilatus – Nach der Überlieferung der Bibel

Radierung in Schwarzbraun: Jesus am Kreuz in einem Lichtkegel aus schrägen Strahlen; darunter Soldaten mit Lanzen und Helmen, ein Reiter auf einem Pferd, kniende und am Boden liegende Gestalten, vorn rechts zwei Männer mit Turbanen.

In der Morgenfrühe führten die Vertreter des Hohen Rats Jesus aus dem Haus des Kaiphas in den Gouverneurspalast. Sie gingen aber nicht mit hinein, weil sie sich sonst für das Passahfest verunreinigt hätten. Pilatus kommt zu ihnen heraus und fragt: Welche Anklage erhebt ihr gegen diesen Mann? Sie antworten: Wäre er kein Verbrecher, wir hätten ihn dir nicht ausgeliefert. Pilatus sagt: Dann nehmt ihr ihn doch und verurteilt ihn nach euren eigenen Gesetzen. Die jüdischen Vertreter antworten: Du weißt, wir haben keine Vollmacht, Menschen zu töten.

Pilatus geht zurück ins Palastgebäude. Er läßt Jesus vorführen und fragt ihn: Bist du der König der Juden? Jesus antwortet: Fragst du das von dir aus oder weil es andere von mir behaupten? Pilatus darauf: Hältst du mich für einen Juden? Dein eigenes Volk und seine religiösen Führer haben dich mir ausgeliefert. Was hast du verbrochen? Jesus erklärt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Hätte ich politische Ziele, würden meine Anhänger für mich kämpfen und mich aus den Händen der jüdischen Behörden befreien. Doch das ist nicht die Art meines Königtums. – Also bist du ein König? – Ja, antwortet Jesus, ich bin ein König. Ich bin geboren und in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Wer aus der Wahrheit ist, der erkennt meine Worte. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit?

Und er geht wieder hinaus und sagt zu den versammelten Juden: Ich halte den Mann für unschuldig. Da ihr aber zum Passahfest nach alter Gewohnheit das Recht habt, einen Gefangenen freizubitten, frage ich euch: Wollt ihr, dass ich euch diesen „König der Juden“ freilasse? Sie aber schreien mit großer Lautstärke: Nein, nicht diesen, sondern Barabbas! Der aber war ein Terrorist.

Da lässt Pilatus Jesus abführen und auspeitschen. Und die Soldaten flechten eine Krone aus Dornenreisig und setzen sie ihm aufs Haupt und werfen einen roten Mantel über seine Schultern. Und sie treten vor ihn hin und grüßen ihn: Heil dir, König der Juden! Und schlagen ihm ins Gesicht. Pilatus aber tritt wieder hinaus vor die Menge und sagt: Seht, ich führe ihn euch noch einmal vor, dass ihr erkennt: Ich halte ihn für unschuldig. So kommt Jesus heraus und trägt noch die Dornenkrone und den Purpurmantel. Und Pilatus weist auf ihn und sagt: Seht, welch ein Mensch!

Als ihn die Hohenpriester und ihr Gefolge so sehen, schreien sie: Kreuzige, Kreuzige ihn! Und Pilatus erwidert: Schlagt ihr ihn doch selbst ans Kreuz, ich halte ihn für unschuldig. – Aber nach unserem Recht ist er des Todes schuldig, schreien die Ankläger, er hat sich selbst zu Gottes Sohn erklärt!

Als Pilatus das hört, bekommt er es mit der Angst. Noch einmal lässt er Jesus im Inneren des Palasts vorführen und fragt ihn: Woher bist du? Jesus antwortet ihm nicht. Darauf Pilatus: Warum sprichst du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass es in meiner Macht steht, dich freizulassen oder zu kreuzigen? Jesus antwortet: Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von höherer Stelle verliehen wäre. Von da an trachtet Pilatus noch mehr danach, Jesus freizulassen.

Aber die jüdischen Vertreter dringen weiter auf Pilatus ein: Wenn du diesen Mann nicht verurteilst, werden wir dich in Rom anzeigen und dafür sorgen, dass du dich nicht länger „Freund des Kaisers“ nennen darfst. Denn wer sich selbst zum König erklärt wie dieser Jesus, der stellt die Weltherrschaft des Kaisers in Frage! Als Pilatus das hört, gibt er seinen Widerstand auf. Er lässt Jesus herausführen, setzt sich auf den Richterstuhl und wendet sich zu den jüdischen Führern: Seht, da habt ihr euren König! Und sie schreien: Weg, weg mit dem, kreuzige ihn!

Noch einmal fragt Pilatus: Soll ich euren König kreuzigen? Und sie antworten: Wir haben keinen Herrscher als den Kaiser in Rom. Da übergibt er Jesus den Soldaten zur Hinrichtung am Kreuz.

Nach dem Johannes-Evangelium, Kapitel 18, 28-19, 16

Hörprobe zum Nachlesen: „Jesus und Barabbas“

Textfassung der Hörprobe (2:50 Min.), die auch den Ton des Kurzfilms bildet. Maschinell transkribiert und redaktionell überarbeitet; einzelne Namen und Wendungen können vom gesprochenen Original abweichen.

Textfassung anzeigen

Die Stimmung hier im Gerichtshof, die heizt sich deutlich auf. Jesus von Nazareth, der ist offenbar durch einen Nebeneingang hier in den Palast von Pontius Pilatus zurückgebracht worden. Es sind inzwischen auch die Drahtzieher dieses Prozesses hier, die Herren vom Hohen Rat, die stehen ganz nah am Gerichtspodest. Wahrscheinlich wollen sie, dass ihnen nachher kein Wort entgeht. Ich sehe den Hohepriester Kaiphas in heftige Diskussionen verwickelt.

Die Leute, die haben hier übrigens Transparente mitgebracht. Barabbas steht darauf. Ich kann nicht genau erkennen, ob hier auch Anhänger von Jesus von Nazareth sind. Jedenfalls geben sie sich im Moment nicht zu erkennen. Aber das wird sich sicher bald herausstellen. Übrigens ist hier ganz seltsames Wetter. Es kommt mir fast so vor, als würde sich der Himmel verdunkeln. Ein ganz eigenartiges Zwielicht. Und das lässt die ganze Szenerie hier fast ein wenig gespenstisch erscheinen.

Oben auf dem Gerichtspodest, da geht übrigens jetzt gerade eine Tür auf. Zwei Soldaten, die führen Barabbas heraus. Das ist ein jüdischer Terrorist, der im Untergrund gearbeitet hat. Der hat Wunden im Gesicht und auch auf den Armen. Mit den Gefängnisaufsehern hier ist ja nicht zu spaßen. Aber so sieht kein gebrochener Mann aus. Er hebt seine gefesselten Hände, und das gefällt der Menge natürlich. Sie hören, Sprechchöre formieren sich. Jetzt wird er an den Richterstuhl gebunden.

Und sie führen auch Jesus auf das Podest. Man hat ihm einen roten Mantel umgeworfen. Scheint ein römischer Offiziersmantel zu sein. Und er sieht schlimm aus, blutüberströmt. Die Verhöre, die wurden offensichtlich wirklich mit absoluter Härte geführt. Auf dem Kopf hat er einen Kranz. Es sieht aus, als wäre er aus spitzen Dornen gemacht. Das ist Spott, offener Spott. Sie wollen ihn offensichtlich vor den Leuten hier wirklich lächerlich machen.

Pilatus, der versucht nun irgendetwas zu sagen. Ich kann leider nicht genau verstehen, was es ist. Aber ganz offensichtlich soll die Menge hier entscheiden, wer freigelassen werden soll. Jesus oder Barabbas – das soll das Volk hier wohl entscheiden. Pilatus, der zeigt nun auf Barabbas. Der hebt wieder die Hände. Sie hören es vielleicht, dass hier Barabbas-Sprechchöre gerufen werden. Seine Anhänger, die wollen ihn frei sehen, koste es, was es wolle. Ich kann übrigens auch sehen, dass die Priester da vorne Zeichen geben. Sie feuern die Leute richtig an, heben auch die Arme und dirigieren das Ganze förmlich.

Pilatus, der zeigt nun auf Jesus. Und Sie hören es: Er hat überhaupt keine Chance. Er steht die ganze Zeit völlig ruhig da und lässt das Ganze über sich ergehen. Keine Verteidigung. Die Soldaten, die führen ihn nun wieder in den Palast zurück. Ich glaube übrigens nicht, dass jetzt schon eine Entscheidung hier über die Begnadigung gefällt wird. Pilatus, der wollte offenbar erst mal die Stimmung sondieren. Und innen drin wird es jetzt sicherlich noch weitere Beratungen geben.

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