CD-Cover „Hier spricht Radio Tyrus“, Volume 3: Es begab sich aber zu der Zeit …

Es begab sich aber zu der Zeit …

Zwei Radiosendungen aus Bethlehem zur Zeit des Kaisers Augustus

Hörprobe „Nachrichten“

0:00 / 3:39
Schauplatz
Bethlehem
Zeit
Zeitenwende
Beiträge
36 Titel

Worum es geht

„Die Zeit ist erfüllt...“ - mit diesem Satz wird der junge Prediger Jesus von Nazareth einmal unter die Menschen treten. Die Originaltexte der biblischen Weihnachtsgeschichte beschreiben in illusionslosen Bildern, wie die Zeit aussah, die in seinen Augen für eine radikale Wende, für einen grundsätzlichen Neuanfang reif war. Es lohnt sich, die vertrauten Bilder unseres traditionellen Weihnachtsfestes einmal für kurze Zeit beiseite zulassen und sich die alten Geschichten in der Umgebung vorzustellen, in der sie vor knapp 2000 Jahren entstanden sind.

Die ersten Worte der Weihnachtsgeschichte klingen so, als sollte nun ein Märchen erzählt werden: „Es war einmal...“. Und das stimmt: Diese Erzählungen sind keine Tatsachenberichte. Kein Zeitzeuge war dabei, als jenes Kind geboren wurde, das später als Jesus von Nazareth die Welt verändern sollte. Und die Geschichten über die Geburt im Stall von Bethlehem, über den Besuch der Weisen aus dem Morgenland und über den Kindermord des Herodes sind erst zu einer Zeit aufgeschrieben worden, als die Ära des großen Augustus schon in legendärer Vergangenheit lag.

Die ersten Christen haben sich wenig für die Umstände der Geburt ihres Erlösers interessiert. Ihnen reichten die Grundtatsachen, die der erste große Missionar des christlichen Glaubens, Paulus von Tarsus, in einem seiner frühen Briefe so beschreibt: „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn: Ein Mensch, von einem Weib geboren und unter das Gesetz getan...“.

Anders als viele wunderhaft übersteigerte Geburtsberichte der Großen jener Zeit halten sich die biblischen Weihnachtsgeschichten nüchtern an die theologische Grundaussage, die der Missionar Paulus von Tarsus formuliert hat: Der kommende Erlöser ist kein übernatürliches Gottwesen, sondern ein Mensch, von einer natürlichen Mutter geboren und den Zwängen und Machtverhältnissen dieser Welt ausgesetzt. Seine Geburt ist von staatlicher Willkür überschattet und findet in primitivsten Verhältnissen statt. Und doch wird in aller Armut und Unscheinbarkeit zeichenhaft schon die Berufung des Kindes sichtbar: In den Hirten erkennt man die Verachteten der Gesellschaft, an die sich später seine Botschaft richten wird. Die Sterndeuter aus dem Orient sind nur die ersten Vertreter der Nationen und Kulturen, die einmal von dieser Botschaft erreicht werden.

Pressestimme

Meilenweit entfernt von jeder erbaulichen weihnachtlichen Biederkeit und bekehrend erhobenen Zeigefingern bekommt die Bibel eine phantastische Lebendigkeit.

Ute Henning, Rezension „Hörwelt“, 1998

Hörprobe zum Nachlesen: „Nachrichten“

Textfassung der Hörprobe (3:39 Min.). Maschinell transkribiert und redaktionell überarbeitet; einzelne Namen und Wendungen können vom gesprochenen Original abweichen.

Textfassung anzeigen

Hier ist der phönizische Rundfunk Radio Tyrus. Sie hören Nachrichten.

Arretium. In seinem etruskischen Heimatort verstarb in der vergangenen Woche der bekannte Politiker, Lebemann und Kunstförderer Maecenas. Das Römische Reich verliert mit ihm einen Mann, der sich sein Leben lang mit ganzem Herzen für andere einsetzte. Nach der Ermordung Julius Caesars und den folgenden Bürgerkriegen hatte der Multimillionär in Vertretung seines Freundes Octavian wiederholt die inneren Angelegenheiten Roms geordnet. Als dieser zum Kaiser mit dem Beinamen Augustus aufgestiegen war, zog sich Maecenas ins Privatleben zurück, nutzte aber seine Verbindung zum Hof zur Fürsprache für viele Bedürftige. Aus seinem Privatvermögen unterstützte er junge Künstler und Wissenschaftler. Dichter wie Horaz und Vergil verdanken ihm ihren Aufstieg zum Weltruhm.

Alexandria. Immer mehr Bewohner der griechisch besiedelten Großstädte im Reich streben danach, das römische Bürgerrecht zu erwerben. Manchen wird es wegen ihrer Verdienste vom Staat verliehen. Sehr viele aber erwerben es dadurch, dass sie große Summen für wohltätige Zwecke spenden. Diese Tatsache hat Kaiser Augustus veranlasst, das Staatsbürgerschaftsrecht neu zu ordnen. So soll das Privileg der Steuerfreiheit für solche römischen Neubürger nicht gelten, die sich in ihre Staatsbürgerschaft praktisch eingekauft haben. Rom, so der Kaiser, sei keine Steueroase für Neureiche, die sich aus der Sozialbindung des Eigentums davonstehlen wollen.

Rom. Ein Fall von sexuellem Missbrauch erschüttert den bisher unbescholtenen Kultverein der Isisverehrer. Ein mit einer Vogelkopfmaske maskierter Priester soll einer Gläubigen, die sich ihm in frommer Ergebenheit genähert hatte, über alle Schamgrenzen hinaus göttliche Zuwendung gespendet haben. Der Fall wird einer Senatskommission vorgelegt. Diese soll nun entscheiden, ob die Gegenbehauptung der Kultgemeinde zutrifft, die Frau habe den Priester verführt und so seine kultische Unreinheit verschuldet.

Caesarea. Den Tagelöhnern im Reich des Königs Herodes ging es noch nie so gut wie heute. Das geht aus einer neuen Statistik hervor, die in der von Herodes neu erbauten jüdischen Hafenstadt veröffentlicht wurde. Danach kann ein Arbeiter mit täglichen Einkünften von rund 40 Pfennigen rechnen. Eine bescheidene Mahlzeit kostet dagegen nur etwa 2 Pfennige. So könne ein Familienvater durchaus eine zehnköpfige Familie ernähren und noch etwas für schlechte Zeiten zurücklegen.

Bethlehem in Judäa. Als sektiererischen Unsinn und alkoholbeflügeltes Hirngespinst hat ein Pressesprecher des jüdischen Königs Herodes die Gerüchte bezeichnet, am Himmel über Bethlehem seien in der vergangenen Nacht Engel erschienen. Nach Ermittlungen der Sicherheitsbehörden habe eine Gruppe halbwüchsiger Schafhirten zu mitternächtlicher Stunde laut randaliert und unbescholtene Bürger mit der Nachricht erschreckt, der Heiland der Welt sei in Bethlehem geboren worden. Nach den Mitgliedern der Gruppe werde gegenwärtig gefahndet. Sie sollen unter starkem Alkoholeinfluss gestanden haben. Dadurch enthemmt, seien sie schließlich so weit gegangen, ein in einem Stall untergebrachtes Paar mit einem neugeborenen Kind gewaltsam zu überfallen und der erschrockenen jungen Familie eine Art religiöser Huldigung aufzudrängen.

So weit die Nachrichten von Radio Tyrus. Folgen Sie nun bitte weiter unserem aktuellen Programm aus Bethlehem im Reich des Königs Herodes.

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