Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kayser Augusto ausgieng, daß alle Welt geschätzet würde.
2. Und diese Schatzung war die allererste, und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war.
3. Und jederman gieng, daß er sich schätzen liesse, ein jeglicher in seine Stadt.
4. Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das Jüdische Land, zu der Stadt David, die da heisset a) Bethlehem, darum, daß er von dem Hause und Geschlechte Davids war,
5. Auf daß er sich schätzen liesse mit Maria, seinem vertraueten Weibe, die war schwanger.
6. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte.
7. Und sie gebar ihren ersten Sohn, und wickelte ihn in Windeln, und legte ihn in eine Krippen, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
Die ersten Worte der Weihnachtsgeschichte klingen so, als sollte nun ein Märchen erzählt werden: „Es war einmal…“. Richtig ist: Diese Erzählungen sind keine Tatsachenberichte. Kein Zeitzeuge war dabei, als jenes Kind geboren wurde, das später als Jesus von Nazareth die Welt verändern sollte. Und die Geschichten über die Geburt im Stall von Bethlehem, über den Besuch der Weisen aus dem Morgenland und über den Kindermord des Herodes sind erst zu einer Zeit aufgeschrieben worden, als die Ära des großen Augustus schon in legendärer Vergangenheit lag.
Die ersten Christen haben sich wenig für die Umstände der Geburt ihres Erlösers interessiert. Ihnen reichten die Grundtatsachen, die der erste große Missionar des christlichen Glaubens, Paulus von Tarsus, in einem seiner frühen Briefe so beschreibt: „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn: Ein Mensch, von einem Weib geboren und unter das Gesetz getan…“.
Einer späteren Generation von Christen scheint dies nicht ausgereicht zu haben. Sie wollten biografische Details. So machten sich die Chronisten auf die Suche nach solchen Überlieferungen. Aus vielen legendären Darstellungen wählten sie die Berichte aus, die heute in der Bibel stehen.
Anders als viele wunderhaft übersteigerte Geburtsberichte der Großen jener Zeit halten sich die biblischen Weihnachtsgeschichten nüchtern an die theologische Grundaussage, die der Missionar Paulus von Tarsus formuliert hat: Der kommende Erlöser ist kein übernatürliches Gottwesen, sondern ein Mensch, von einer natürlichen Mutter geboren und den Zwängen und Machtverhältnissen dieser Welt ausgesetzt. Seine Geburt ist von staatlicher Willkür überschattet und findet in primitivsten Verhältnissen statt. Und doch wird in aller Armut und Unscheinbarkeit zeichenhaft schon die Berufung des Kindes sichtbar: In den Hirten erkennt man die Verachteten der Gesellschaft, an die sich später seine Botschaft richten wird. Die Sterndeuter aus dem Orient sind nur die ersten Vertreter der Nationen und Kulturen, die einmal von dieser Botschaft erreicht werden.
„Die Zeit ist erfüllt…“ – mit diesem Satz wird der junge Prediger Jesus von Nazareth einmal unter die Menschen treten. Die Originaltexte der biblischen Weihnachtsgeschichte beschreiben in illusionslosen Bildern, wie die Zeit aussah, die in seinen Augen für eine radikale Wende, für einen grundsätzlichen Neuanfang reif war. Es lohnt sich, die vertrauten Bilder unseres traditionellen Weihnachtsfestes einmal für kurze Zeit beiseitezulassen und sich die alten Geschichten in der Umgebung vorzustellen, in der sie vor knapp 2000 Jahren entstanden sind.