Johannes der Täufer – Tod eines Propheten

Live-Sendung von einem Fest des Herodes Antipas im Jahre 30 n. Chr.

Kurzfilm „Der Tanz der Salome“ 2:55 Min. · mit Untertiteln

Bilder KI-generiert, angelehnt an die Vorlagen im CD-Beiheft (Tanz der Salome nach Gustave Moreau, Tiberius). Ton: Original-Hörprobe.

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Hörprobe „Der Tanz der Salome“

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Schauplatz
Galiläa
Zeit
30 n. Chr.
Beiträge
18 Titel

Worum es geht

Herodes Antipas feiert ein Fest, während in seinem Kerker der Buß-Prophet vom Jordan gefangen sitzt. Radio Tyrus berichtet vom Hof des Fürsten und von der Taufstelle am Jordan, fragt nach dem Verhältnis von Johannes und Jesus – und ist dabei, als der Tanz der Salome ein grausiges Versprechen nach sich zieht.

Ausführlicher Hintergrund: die Texte aus dem CD-Beiheft

Begleitheft zur CD · Vol. 8

Aus dem Beiheft

Die Begleittexte und Abbildungen aus dem gedruckten Heft zur CD „Johannes der Täufer – Tod eines Propheten“. Der Wortlaut folgt dem Heft einschließlich seiner Schreibweisen; nur die Typografie wurde vereinheitlicht und offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.

Kapitel 1 Der Größte unter allen Propheten…

… so hat Jesus von Nazareth voller Hochachtung seinen Lehrer Johannes den Täufer genannt. Der charismatische Prediger, der zu Beginn unserer Zeitrechnung ein ganzes Volk in seinen Bann zog, hat dennoch in der Nachwelt nicht die Anerkennung gefunden, die seiner Bedeutung entspricht. Die christliche Überlieferung ließ ihn hinter dem Mann aus Nazareth ins zweite Glied zurücktreten. So erscheint uns Johannes der Täufer heute eher als bloßer Vorläufer und Hinweisgeber auf den eigentlichen Heilsbringer Jesus Christus, mit dem die Geschichte Gottes unter den Menschen neu beginnen sollte.

Die Mehrzahl seiner Zeitgenossen hat das wohl anders gesehen. Der jüdische Historiker Flavius Josephus schweigt in seinen Werken über Jesus von Nazareth. Den Buß-Propheten vom Jordan hält er durchaus für erwähnenswert: „…ein edler Mann, der die Juden anhielt, nach Vollkommenheit zu streben, indem er sie ermahnte, Gerechtigkeit gegeneinander und Frömmigkeit gegen Gott zu üben und so zur Taufe zu kommen…“. Josephus spricht wie die Bibel von einer „wunderbaren Anziehungskraft solcher Reden“ und von einer „gewaltigen Menschenmenge“, die zu Johannes strömte. Dies sei der Grund gewesen, weshalb der jüdische Regionalfürst Herodes Antipas den Täufer einkerkern und hinrichten ließ. Er habe befürchtet, „das Ansehen dieses Mannes, dessen Rat allgemein befolgt zu werden schien, möchte das Volk zum Aufruhr treiben.“

Die Umstände dieses Todes haben die menschliche Phantasie über zwei Jahrtausende hinweg beschäftigt. Eine märchenhafte Kolportage-Geschichte um einen fürstlichen Ehebruch und einen erotischen Schleiertanz, nach dem schließlich das Haupt des Propheten der halbwüchsigen Tänzerin auf einer Schale gereicht wird. Unzählige Maler, Schriftsteller und Komponisten haben dieses grausige Bild mit immer neuen Farben ausgeschmückt. Andere haben sich durch das exzentrische Auftreten des Täufers inspirieren lassen: Ein wilder Wüsten-Asket mit ungeschorenen Haaren, der nichts trug als einen groben Fellmantel und der sich – glaubt man der Bibel – von Heuschrecken und wildem Honig ernährte.

Das eigentliche Werk des Täufers tritt dahinter fast zurück: Er war es, der mit seinem Auftreten und seiner Botschaft die große Zeitwende einleitete – den religiösen Neuanfang, der von Palästina aus die Welt verändern sollte. Die Botschaft des Jesus von Nazareth baut auf dem auf, was Johannes der Täufer begonnen hat.

Holzschnitt in Rotbraun: Links steht zwischen hohen Baumstämmen ein bärtiger Prediger mit Strahlenkranz um den Kopf, in einem Fellgewand, und spricht mit erhobener Hand; rechts drängt sich eine dichte Zuhörerschar aus Männern mit Hüten und Turbanen, Frauen und Kindern, viele sitzen am Boden.
Joh. der Täufer nach Lucas Cranach.

Kapitel 2 Ein Volk wartet auf Erlösung

Schwarzweißfoto einer Marmorbüste: Ein Mann mit kurzem, in die Stirn gekämmtem Haar, Kopf leicht nach rechts gewandt, mit über der Schulter gefibeltem, faltigem Gewand.
Tiberius Römischer Kaiser 14–37 n. Chr.

Fast zwei Jahrtausende ist es her, dass die Vorfahren des jüdischen Volkes als arme Schafhirten in das Land am Jordan kamen. Tausend Jahre sollte es dauern, bis sich die Verheißung ihres unsichtbaren Gottes erfüllte, sie zu einem großen und mächtigen Volk zu machen. Doch die Tage Davids und Salomos vergingen und aus dem Volk Israel wurde ein Spielball der Weltgeschichte. Ägypter, Assyrer, Babylonier, Perser und Griechen herrschten über das Land. Der Glaube an den Gott Abrahams hatte eine babylonische Gefangenschaft zu überstehen, die Zerstörung der Hauptstadt und den Verlust des herrlichen Tempels des Königs Salomo.

Aber immer war da auch die Stimme ihres Gottes gewesen. Durch seine Sendboten hatte er sie vor falschen Wegen gewarnt und in Zeiten des Unglücks aufgerichtet und getröstet. In den dunkelsten Tagen malten diese Propheten Hoffnungsbilder einer Zukunft, in der Gott selbst als gerechter König sein Volk regieren und durch Israel die Welt zum Frieden führen würde.

Doch die Wirklichkeit zur Zeit Johannes des Täufers sieht anders aus. Nach einem kurzen Aufflackern der Selbständigkeit im Kampf gegen die zwangsweise Überfremdung durch griechische Religion und Bildung ist das Land Kolonie der Römer geworden. Den Juden wird zwar im ganzen Römischen Reich religiöse Eigenständigkeit zugestanden, die Frommen im Land sehen die religiöse Identität ihres Volkes aber weiter bedroht durch die Übermacht der globalisierten griechisch-römischen Weltkultur.

Sie beklagen die wirtschaftliche Ausbeutung, die wachsende Gottlosigkeit, den Verfall der Sitten und die ständige Beleidigung religiöser Gefühle durch die Besatzungsmacht und ihre Helfer. Große Teile der Bevölkerung halten die Zeiten für so unerträglich, dass sie ein baldiges Eingreifen Gottes herbeiwünschen, wie sie es in den Schriften der Propheten angekündigt sehen.

Die Statthalter Roms haben es mit einem widerspenstigen Volk zu tun. Aufstände erschüttern das Land, sobald die Besatzungsmacht Schwäche zeigt. Selbsternannte Propheten und Messias-Gestalten führen Tausende von Anhängern in die Wüste, um dort das baldige Eingreifen Gottes zu erwarten. In den Schlupfwinkeln der Berge sammeln sich fundamentalistische Fanatiker, die mit Terroranschlägen dem kommenden Erlöser den Weg bereiten wollen.

Doch die Vertreter der Weltmacht haben die Lage im Griff. Eine Generation zuvor hatte König Herodes der Große in ihrem Auftrag allen Widerstand mit brutaler Gewalt niedergeschlagen und das Land zu äußerem Glanz und politischem Einfluss geführt. Seine Söhne konnten sein Erbe jedoch nur zum Teil antreten. Zur Zeit Johannes des Täufers herrscht im eigentlichen jüdischen Kerngebiet um die Hauptstadt Jerusalem ein von Rom eingesetzter Gouverneur: Pontius Pilatus, der sich die religiöse Führung schon zu Beginn durch unnötige Provokationen zum Feind gemacht hatte. Das Bergland von Galiläa und die Landschaft Peräa jenseits des Jordan werden weiterhin von einem Sohn des großen Herodes regiert. Sein Name: Herodes Antipas.

Historische Karte Palästinas zur Zeit Jesu vom Libanon bis zum Toten Meer. Beschreibung siehe Text unter der Karte.
Palästina zur Zeit des Jesus von Nazareth
Kartenbeschreibung

Die Karte zeigt den Küstenstreifen am Mittelmeer (Wellenschraffur am linken Rand) und das Binnenland bis östlich des Jordans. Der Jordan verbindet den See Genezareth im Norden mit dem Toten Meer im Süden.

Im Norden: Sidon und Tyrus an der Küste in Phönizien, landeinwärts der Libanon, Ituräa mit Cäsarea Philippi und oben rechts Damaskus.

Galiläa mit Ptolemais an der Küste, Sepporis, Kana, Nazareth und Nain; am See Genezareth Chorazin, Magdala, Kapernaum und Tiberias.

Weiter südlich Cäsarea an der Küste, Samarien mit Samaria und Sychar, östlich des Jordans die Dekapolis und Peräa.

Judäa mit Japho, Emmaus, Gaza, Jerusalem, Bethlehem, Jericho und Qumran am Toten Meer; östlich des Jordans unterstrichen die „Taufstelle am Jordan“ und am Ostufer des Toten Meeres die „Festung Machaerus“; ganz im Süden Idumäa und Masada. Unten rechts ein Maßstab von 10 bis 50 Kilometern, unten links der Kartentitel „Palästina zur Zeit des Jesus von Nazareth“.

Dieser Herodes Antipas ist der Landesherr Johannes des Täufers, wie übrigens auch des Jesus von Nazareth. Beide finden unter seiner Mitverantwortung einen gewaltsamen Tod. Die Bibel nennt ihn einen König. In Wirklichkeit führt er aber nur den minderen Titel eines Tetrarchen (Viertelfürsten). Über seine Herrschaft vermeldet die Geschichtsschreibung nur eine erotische Eskapade mit politischen Folgen: Er verliebte sich in die Frau seines Bruders. Auf ihr Drängen verstieß er seine bisherige Gattin, die Tochter eines Araberkönigs, der daraufhin das Land mit Krieg bedrohte. Die ehrgeizige Herodias war schließlich auch für das politische Ende ihres neuen Gatten verantwortlich: Auf ihr Drängen verlangte er in Rom den Königstitel und wurde stattdessen nach Gallien verbannt.

Kapitel 3 Die Stimme eines Predigers in der Wüste

„… da geschah das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias, in der Wüste…“ – So beginnt das biblische Lukas-Evangelium seinen Bericht über das Auftreten des Täufers. Nach den dabei mitgeteilten Zeitangaben muss es das Jahr 28 unserer Zeitrechnung gewesen sein. Die Beschreibung lehnt sich bewusst an die Erwählungsgeschichten der großen Propheten des Alten Testaments an: Sie wurden durch eine persönliche Gottes-Offenbarung für ihre Aufgabe berufen. Von nun an handelten sie als Bevollmächtigte, die die von ihm aufgetragene Botschaft als Wort Gottes an sein Volk ausrichteten – zur Warnung, zur Ankündigung des göttlichen Gerichts oder zum Heil.

Gemälde: Ein hagerer, bärtiger Mann mit langem dunklem Haar steht in ganzer Figur vor hellem Himmel; er hält mit der rechten Hand ein dunkles Fell vor dem Körper, unten eine niedrige grüne Landschaft.
Johannes der Täufer nach El Greco.

Den Frommen jener Tage galt die Zeit biblischer Propheten als abgeschlossene Vergangenheit. Gottes Wort galt ihnen als in den Heiligen Schriften ausreichend offenbart. Ihre religiösen Anstrengungen konzentrierten sich allein auf die Auslegung der Überlieferungen. Eine Rückkehr der Prophetie erwarteten sie erst für das Ende der Zeiten. Kurz vor dem letzten Gericht Gottes sollte der große Prophet Elia noch einmal wiederkehren, wie der Seher Maleachi es vorausgesagt hatte: „…Siehe es kommt der Tag, brennend wie ein Schmelzofen. Und alle, die gottlos handeln, werden wie Stoppeln sein: der Tag, der kommt, wird sie in Brand stecken… Siehe ich sende euch den Propheten Elia, ehe der große und furchtbare Tag des Herrn kommt. Und er wird das Herz der Väter den Söhnen zuwenden und das Herz der Söhne zu den Vätern…“

Viele der Zeitgenossen haben Johannes den Täufer als den Propheten der Endzeit betrachtet. In seinem äußeren Auftreten entsprach er diesem Vorbild: Er trug nichts als einen ledernen Lendenschurz, darüber einen Überwurf aus Kamelfell. Vielleicht entsprach das dem Habitus eines Eremiten und Sehers jener Tage. Die Tradition teilt mit, er habe sich des Alkohols und der Frauen enthalten und nach dem Vorbild altbiblischer Nasiräer kein Schermesser an sein Haar gelassen.

Dass sich Johannes der Täufer auf umständliche Weise von Heuschrecken und wildem Honig ernährt haben soll, ist sicher auf Übersetzungs-Missverständnisse zurück zu führen. Wahrscheinlich sind grüne Kräuter und süße stärkehaltige Wurzeln oder Johannisbrot-Schoten gemeint. Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus erwähnt einen Asketen jener Zeit, der sich ausschließlich von naturbelassener Pflanzenkost ernährte. Johannes war also eher ein strenger Vegetarier.

Der Einsiedler des Josephus lebte in der Wüste. Seit der Gottesbegegnung des Volkes Israel am Sinai galt sie als Ort göttlicher Offenbarung. Nach einem alten Propheten-Orakel erwarteten viele Juden der Zeitenwende hier auch die Ankunft des endzeitlichen Weltenrichters und Erlösers: „Hört die Stimme eines Predigers: In der Wüste bahnt den Weg des Herrn, in der Steppe ebnet eine Straße für unseren Gott!“

Getönte Zeichnung: Blick von einer felsigen Anhöhe über eine weite, zerklüftete Ebene mit hellen Hügelketten bis zu Bergen am Horizont.
Die Wüsten am Rand des Jordan um 1850.

Die christliche Überlieferung hat diese Weissagung direkt auf Johannes den Täufer bezogen. Aber es gab auch andere religiöse Bewegungen jener Tage, die sie für sich in Anspruch nahmen: Die Essener-Sekte hatte sich in das Wüstenkloster von Qumran zurückgezogen, um dort durch ein Leben in peinlicher Schrifterfüllung das Kommen des Erlösers vorzubereiten. Rituelle Taufbäder als Symbol für innere Reinigung spielten bei ihnen eine große Rolle. Manche meinen, Johannes der Täufer sei in ihrem Kreis erzogen worden.

Kapitel 4 Tut Buße!

„Tut Buße, denn die Ankunft der Gottesherrschaft steht nahe bevor!“ – so wird in der Bibel die Botschaft des Täufers in wenigen Worten zusammengefasst. Das drohende Gericht Gottes stand in seinen Augen unmittelbar bevor: „Schon ist die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt!“ – Jeder, der sein Leben an seiner göttlichen Bestimmung vorbei gelebt hatte, würde wie ein unfruchtbarer Baum ausgerottet und mit Feuer verbrannt werden. Danach würde die Heilszeit anbrechen, das „Reich Gottes“, wie es die Bibel nennt. Ein gereinigtes heiliges Volk werde sich Gott erwählen, in dem nur diejenigen einen Platz finden, die vor seinem Gericht bestehen können.

Die Botschaft war radikal. Denn in den Augen des Johannes gab es niemand, dessen Leben vor den Augen Gottes Bestand haben konnte. Das muss er mit drastischen Bildern beschrieben haben. „Ihr Schlangenbrut!“ – so herrschte er die jüdische Frömmigkeits-Elite der Pharisäer und Schriftgelehrten an: „Wer gibt euch denn die Gewissheit, dass ihr dem kommenden Zornesgericht entrinnen werdet? Bringt euer inneres Verhältnis zu Gott in Ordnung und beruft euch nicht darauf, dass ihr Kinder Abrahams seid! Ich sage euch: Gott kann dem Abraham auch aus diesen Steinen Kinder erwecken!“ Im Gegenzug haben die Frommen jener Tage den Täufer als einen von Dämonen besessenen Irrlehrer abgelehnt.

Was Johannes von seinen Hörern erwartete, war die schonungslose Einsicht, dass ihr bisheriges Leben nach den Maßstäben Gottes misslungen war. Die Sehnsucht nach einem Neuanfang und der ernstliche Wille, das alte missglückte Leben hinter sich zu lassen – das ist es, was die Bibel „Buße“ nennt. Der Prediger vom Jordan begnügte sich dabei aber nicht mit innerer Zerknirschung und guten Vorsätzen. Er verlangte im Namen Gottes ein öffentliches Bekenntnis und einen einmaligen unwiderruflich vollzogenen Akt der Umkehr. Allein dies – so Johannes der Täufer – sei die letzte Möglichkeit, dem unausweichlich drohenden Endgericht zu entgehen.

Diese Umkehrpredigt muss von solch zwingender Eindringlichkeit gewesen sein, dass nach kurzer Zeit Tausende an den Jordan strömten, um sich durch den ungewöhnlichen Gottesboten innerlich in Frage stellen zu lassen. Eine Buß-Bewegung erfasste das Land. Selbst der Landesherr des Täufers, Fürst Herodes Antipas, soll von dieser Faszination angesteckt worden sein. Er besuchte den Täufer und musste dabei herbe Kritik über seinen Ehebruch einstecken. Konnte ein so einflussreicher Massenprediger nicht zu einer politischen Gefahr werden? Die Staatsraison siegte: Herodes ließ den Täufer verhaften.

Radierung in Grau-Schwarz: In einer hellen Lichtung steht ein Prediger mit erhobenem Arm auf einer Anhöhe, ringsum eine große Menge sitzender, stehender und lagernder Zuhörer; links hinten ein hoher Obelisk und Ruinen, rechts dunkle Bäume.
Johannes der Täufer nach Rembrandt.

Kapitel 5 …und lasse sich ein jeder taufen

Schwarzweißfoto eines Reliefs: Ein bärtiger Mann mit Kopfbinde und langem Gewand legt einem nackten jungen Mann die Hand auf den Kopf; dieser steht bis über die Knie in hoch aufgetürmten, wellenförmigen Wasserbergen.
Johannes der Täufer nach einer Elfenbeinschnitzerei aus dem 10. Jhdt.

Als Zeichen der inneren Bereitschaft zur Umkehr verlangte Johannes von seinen Hörern einen einmaligen und unwiderrufbaren Schritt: Sie mussten sich in aller Öffentlichkeit im fließenden Wasser des Jordan untertauchen lassen. Es hatte schon bisher im Judentum wie in anderen Religionen religiöse Waschungen und Tauchbäder gegeben. Aber der einmalige Taufakt, den der Prophet Johannes vollzog, galt den Menschen seiner Tage als etwas unverwechselbar Besonderes. So verband sich der Name des Propheten untrennbar mit dem, was seine Mission ausmachte: Johannes der Täufer.

Die „Taufe des Johannes“ blieb auch in späterer Zeit als ein eigenständiges Ritual neben der christlichen Taufe bestehen. Sie wird in der Bibel als „Taufe zur Vergebung der Sünden“ nur sehr unvollkommen beschrieben. Denn nicht um das symbolische Abwaschen einzelner Verfehlungen ging es hier, sondern um einen Akt der völligen Hingabe des eigenen Lebens an Gott. Heute würde man das eine „Bekehrung“ nennen. Wer sich im Wasser des Jordan untertauchen ließ, hatte den Mut gefunden, sich selbst und aller Welt einzugestehen, dass das eigene Leben innerlich gescheitert war. Vor Gott und dem eigenen Gewissen hatte man nichts mehr in den Händen, auf das man stolz sein konnte. Im hilflosen Moment des Untertauchens kehrt der Büßer nackt und bloß in den Schoß Gottes zurück, um beim Auftauchen die Zusage zu empfangen, dass er nun vor Gott wie ein neugeborener Mensch von vorne anfangen kann.

Sich zu einer solchen Selbstdemütigung durchzuringen, fiel besonders denen schwer, die ihr ganzes Leben nach einem gottgefälligen Leben gestrebt hatten. Fasten und Beten, ein jahrelanges Studium der heiligen Schriften und ein beflissenes Einhalten auch noch der geringsten biblischen Ordnungen – das alles sollte vor Gott nichts mehr gelten? Die Botschaft des Johannes überschritt die religiösen Wertvorstellungen im Judentum jener Tage.

Denn diejenigen, die am meisten von der Taufe des Johannes zu erhoffen hatten, waren Menschen, die wegen ihres unreinen Lebenswandels als „Gottlose und Sünder“ verachtet und aus der Gemeinschaft der Frommen ausgestoßen waren: Arme und Frauen, Zöllner und Dirnen – alles Menschen, die ihr Leben als gescheitert hinzunehmen gelernt hatten und die es nicht mehr wagten, ihr Gesicht zu Gott zu erheben. Ihnen wurde durch die Taufe die Kindschaft im kommenden Reich Gottes zugesprochen. Das war eine religiöse Revolution. Die göttliche Zeitenwende, die Johannes für die Zukunft ankündigte – mit seinem Wirken hatte sie bereits begonnen.

Farbige Lithografie: Ein breiter Fluss zwischen Bäumen vor hohen, rötlichen Felswänden; links waten viele kleine Gestalten durch das Wasser, vorn sitzt und steht eine Gruppe von Menschen in bunten orientalischen Gewändern am Ufer.
Am Jordan um 1850.

Manche, die durch die Predigt des Täufers zu einem neuen Lebensansatz gefunden hatten, blieben für kürzere oder längere Zeit als seine Schüler oder Jünger bei ihm. Sie lebten in Gemeinschaft und hatten eigene Fasten- und Gebetsordnungen. Nach dem Tode des Täufers haben sich aus ihnen Täufer-Gemeinden gebildet, die auch noch Jahrhunderte später neben den christlichen Gemeinden weiter existierten.

Gemälde: Ein bärtiger Mann in rotem Gewand kniet am Ufer und streckt die Hand über einen jungen Mann mit langem Haar, der mit zum Gebet gefalteten Händen und weißem Lendentuch im Wasser steht; dahinter eine Flusslandschaft mit bizarren Felsen, einer Stadt und kleinen Figurengruppen.
Taufe Jesu nach J. Patinier.

Kapitel 6 Johannes der Täufer und Jesus von Nazareth

Nach den im biblischen Lukas-Evangelium zusammengestellten Kindheits-Geschichten waren Jesus und Johannes entfernte Verwandte. Beider Geburt soll von wunderbaren Ereignissen begleitet gewesen sein. Die Legende will sogar wissen, dass auch der kleine Johannes vor dem Kindermord des Herodes fliehen musste.

Das öffentliche Wirken des Täufers beginnt mit seiner göttlichen Berufung in der Wüste. Das Wirken des Mannes aus Nazareth beginnt mit seiner Taufe durch Johannes: „…und als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist Gottes wie eine Taube auf ihn herabkam. Und es geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.“

Vierzig Tage fastete Jesus in der Wüste. Dann kehrte er zum Täufer zurück und wurde einer seiner Jünger. Er muss unter ihnen einen besonderen Rang besessen haben, denn die Bibel berichtet, Jesus habe aus dem Kreis der Johannes-Jünger eine eigene Schülerschar gewonnen und mit ihnen selbständig die Taufe des Johannes vollzogen. Später haben sich ihre Wege getrennt, und die Heilsverkündigung des Jesus von Nazareth nahm einen eigenen Charakter an. Hatte Johannes noch auf ein zukünftiges Kommen Gottes gewartet, so erklärte Jesus: Das Reich Gottes beginnt in jedem Herzen, das die Botschaft von der Liebe und Vergebung Gottes aufnimmt. Johannes hatte nie Wunder getan. Jesus erklärte die Heilungen und Wunder, die durch ihn geschahen, als Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft. Die Jünger des Johannes führten ein asketisches Leben. Jesus erklärte, mit seinem Auftreten habe eine Fest- und Freudenzeit begonnen.

Den Durchbruch zu einer neuen inneren Gottesbeziehung hatte Johannes geleistet. Jesus baute darauf auf: Tut Buße – kehrt um zu einem neuen Leben – das war auch seine Grundbotschaft. Aber bei ihm gewann das neue Leben Gestalt und erfahrbare Wirklichkeit. Hat Johannes in ihm den „Größeren“ gesehen, für den er den Weg bereiten wollte? Nach der Bibel hat er daran zumindest Zweifel gehabt. Jesus nannte Johannes den Größten unter allen Propheten, fügte aber hinzu: „– aber der Kleinste unter euch, in dessen Herz das Reich Gottes Gestalt gewonnen hat, ist größer als er.“

Kapitel 7 Opfer einer Palast-Intrige

Eingekerkert und hingerichtet wurde Johannes der Täufer etwa im Jahre 30 unserer Zeitrechnung. Nach dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus geschah dies, weil sein Landesherr Herodes Antipas in seiner Anziehungskraft auf die Massen eine politische Bedrohung sah. Nach dem Bericht der Bibel dagegen fand Johannes seinen Tod durch den Hass einer gekränkten Frau: Hier das biblische Original:

»… Herodes hatte Johannes gefangen nehmen und in den Kerker werfen lassen um der Herodias willen, der Frau seines Bruders, die er geheiratet hatte. Denn Johannes hatte ihm öffentlich vorgeworfen: Es ist nicht recht, dass du die Frau deines Bruders hast!

Herodias stellte ihm deshalb nach und wollte ihn töten. Aber sie konnte es nicht, denn Herodes fürchtete den Johannes, da er in ihm einen frommen und vor Gott gerechten Mann sah. Er hielt ihn zwar gefangen, besuchte ihn aber oft. Und obwohl er dabei unruhig wurde, hörte er ihn gern.

Und es ergab sich ein gelegener Tag, da Herodes an seinem Geburtstagsfest ein Mahl gab für seine Edlen und Hauptleute und die Vornehmen in Galiläa. Und es kam der Herodias eigene Tochter herein und tanzte. Dem Herodes und seinen Gästen gefiel das wohl, und der König sprach zu dem Mädchen: „Verlange von mir was du willst, ich will es dir geben!“ Und schwur ihr einen Eid: „Was auch immer du bittest, ich will es dir gewähren – und sei es die Hälfte meines Königreichs.“

Da ging sie hinaus und fragte ihre Mutter: „Was soll ich erbitten?“ Die sprach: „Das Haupt Johannes des Täufers.“ Da ging sie sogleich mit Eifer zum König hinein und verlangte: „Dies ist, was ich erbitte: Gib mir sofort auf einer Schale das Haupt Johannes des Täufers!“

Der König war zu Tode erschrocken. Aber weil er es vor seinen Gästen geschworen hatte, wollte er sie nicht abweisen. So sandte der König sogleich seinen Henker und befahl, das Haupt des Täufers herbei zu bringen. Und der ging hin und schlug ihm im Kerker den Kopf ab. Und er brachte das Haupt auf einer Schale und gab es dem Mädchen. Und das Mädchen gab es seiner Mutter.

Als aber die Jünger des Johannes davon Nachricht erhielten, kamen sie und nahmen seinen Leichnam und legten ihn in ein Grab.«

Gemälde: In einem prunkvollen Palastsaal steht eine reich geschmückte, halb entblößte Tänzerin und zeigt mit ausgestrecktem Arm auf ein in der Luft schwebendes, bärtiges Haupt in einem Strahlenkranz, von dem Blut herabtropft; links im Hintergrund sitzende Gestalten, rechts ein Wächter mit Schwert.
Tanz der Salome nach Gustave Moreau

Hörprobe zum Nachlesen: „Der Tanz der Salome“

Textfassung der Hörprobe (2:44 Min.), die auch den Ton des Kurzfilms bildet. Maschinell transkribiert und redaktionell überarbeitet; einzelne Namen und Wendungen können vom gesprochenen Original abweichen.

Textfassung anzeigen

Ja, es ist ein wundervolles Gleichgewicht zwischen so Zurückhaltung, Verstecken und Offenheit, jetzt gerade so zwischen Verbergen und Enthüllen, aber auch – also, ich bin sehr begeistert, Inge Bongers.

Ja, ja, also das ist auch dieses – wenn ich dieses Gefuchtel mit dem Schleier hier sehe: Das heißt ja immer, sie weben damit Muster. Es gibt ungeheure Interpretationen, was jeder Wink mit welchem Lappen bedeutet. Also, man kann das ja bis zu sieben machen, wie wir hier sehen. Aber vielleicht lassen wir das mal später vielleicht einem der Juroren, vielleicht dem Dr. Steinbeck, erklären.

Ja, also der Tanz neigt sich jetzt langsam dem Ende. Die Tänzerin verbeugt sich. Es ist ein ungeheurer Beifall, der hier aufbrandet, und ich kann nur sagen: Diese Tänzerin hat hier, wenn auch nicht Inge Bongers, aber die anwesende Männerwelt außerordentlich beeindruckt. Die Jury hat natürlich noch keine Entscheidung verkündet, aber jetzt steht Pilatus auf und schüttelt Herodes Antipas die Hand. Also, ich deute das so: Er hat die Wette gewonnen, der Herodes. Und Antipas platzt fast vor Stolz jetzt. Er hat den Arm um seine nun wieder verschleierte Stieftochter gelegt und nimmt offensichtlich jetzt die Glückwünsche der Gäste an. Ja, er platzt vor Stolz, anders kann man das nicht nennen. Jetzt erhebt er sich, stellt Salome in den Vordergrund, und – ja, das kann ich jetzt nicht hören, was er sagt, aber er verkündet offensichtlich etwas mit großer Geste. Salome senkt den Kopf und flüstert ihm etwas ins Ohr und verschwindet.

Und jetzt kommt der Kollege Dietrich Steinbeck zu mir und kann sicher Auskunft geben. Also zunächst, Dietrich Steinbeck, Ihr Resümee: Wie war der Tanz?

Ich bin Mitglied der Jury, die Jury hat noch nicht abgestimmt, ich muss mich auch ein bisschen vorsichtig fassen. Wenn ich es so sagen soll: Dieser Tanz bringt die Tanzkunst in eine neue Ära. Vielleicht darf ich es in einem Wort sagen: Die Hetären waren festgebunden an den Kanon des klassischen Tanzes. Dieses hier ist ein neues Kapitel, man wird es, glaube ich, am besten mit „Ausdruckstanz“ bezeichnen können. Salome hat ihre innerste Befindlichkeit in diesen Tanz gelegt, das ist ein Bekenntnis. Natürlich hat sie in den sieben Schleiern allmählich sich auch entkleidet, aber dieses war nicht mehr für Voyeure, die Lüsternheit, sondern es war die Reinheit einer Jungfrau, die sich dort darstellte. Und es hatte ein tief bewegendes Moment, und ich hoffe, die Jury erkennt das auch.

Ja, wollen wir das in Ihrem Sinne hoffen, Dietrich Steinbeck. Was übrigens hatte Herodes eben so Wichtiges zu verkünden? Das sah ja von hier oben sehr, sehr großspurig aus.

Ich habe das hören können. Herodes hat, ich glaube, ich zitiere es beinahe wörtlich, zu Salome gesagt: „Wünsche dir, was du willst, für diesen Tanz, und koste es“ – ich zitiere wörtlich – „mein halbes Königreich“. Obwohl er nicht mal König ist, sondern nur ein Tetrarch.

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