Ja, es ist ein wundervolles Gleichgewicht zwischen so Zurückhaltung, Verstecken und Offenheit, jetzt gerade so zwischen Verbergen und Enthüllen, aber auch – also, ich bin sehr begeistert, Inge Bongers.
Ja, ja, also das ist auch dieses – wenn ich dieses Gefuchtel mit dem Schleier hier sehe: Das heißt ja immer, sie weben damit Muster. Es gibt ungeheure Interpretationen, was jeder Wink mit welchem Lappen bedeutet. Also, man kann das ja bis zu sieben machen, wie wir hier sehen. Aber vielleicht lassen wir das mal später vielleicht einem der Juroren, vielleicht dem Dr. Steinbeck, erklären.
Ja, also der Tanz neigt sich jetzt langsam dem Ende. Die Tänzerin verbeugt sich. Es ist ein ungeheurer Beifall, der hier aufbrandet, und ich kann nur sagen: Diese Tänzerin hat hier, wenn auch nicht Inge Bongers, aber die anwesende Männerwelt außerordentlich beeindruckt. Die Jury hat natürlich noch keine Entscheidung verkündet, aber jetzt steht Pilatus auf und schüttelt Herodes Antipas die Hand. Also, ich deute das so: Er hat die Wette gewonnen, der Herodes. Und Antipas platzt fast vor Stolz jetzt. Er hat den Arm um seine nun wieder verschleierte Stieftochter gelegt und nimmt offensichtlich jetzt die Glückwünsche der Gäste an. Ja, er platzt vor Stolz, anders kann man das nicht nennen. Jetzt erhebt er sich, stellt Salome in den Vordergrund, und – ja, das kann ich jetzt nicht hören, was er sagt, aber er verkündet offensichtlich etwas mit großer Geste. Salome senkt den Kopf und flüstert ihm etwas ins Ohr und verschwindet.
Und jetzt kommt der Kollege Dietrich Steinbeck zu mir und kann sicher Auskunft geben. Also zunächst, Dietrich Steinbeck, Ihr Resümee: Wie war der Tanz?
Ich bin Mitglied der Jury, die Jury hat noch nicht abgestimmt, ich muss mich auch ein bisschen vorsichtig fassen. Wenn ich es so sagen soll: Dieser Tanz bringt die Tanzkunst in eine neue Ära. Vielleicht darf ich es in einem Wort sagen: Die Hetären waren festgebunden an den Kanon des klassischen Tanzes. Dieses hier ist ein neues Kapitel, man wird es, glaube ich, am besten mit „Ausdruckstanz“ bezeichnen können. Salome hat ihre innerste Befindlichkeit in diesen Tanz gelegt, das ist ein Bekenntnis. Natürlich hat sie in den sieben Schleiern allmählich sich auch entkleidet, aber dieses war nicht mehr für Voyeure, die Lüsternheit, sondern es war die Reinheit einer Jungfrau, die sich dort darstellte. Und es hatte ein tief bewegendes Moment, und ich hoffe, die Jury erkennt das auch.
Ja, wollen wir das in Ihrem Sinne hoffen, Dietrich Steinbeck. Was übrigens hatte Herodes eben so Wichtiges zu verkünden? Das sah ja von hier oben sehr, sehr großspurig aus.
Ich habe das hören können. Herodes hat, ich glaube, ich zitiere es beinahe wörtlich, zu Salome gesagt: „Wünsche dir, was du willst, für diesen Tanz, und koste es“ – ich zitiere wörtlich – „mein halbes Königreich“. Obwohl er nicht mal König ist, sondern nur ein Tetrarch.