CD-Cover „Hier spricht Radio Tyrus“, Volume 9: Jakob und Esau – Der gestohlene Vatersegen

Jakob und Esau – Der gestohlene Vatersegen

Eine Live-Sendung aus dem alten Kanaan im Jahre 1763 v. Chr.

Hörprobe „Die Versöhnung“

0:00 / 3:11
Schauplatz
Kanaan
Zeit
1763 v. Chr.
Beiträge
21 Titel

Worum es geht

„Mein Vorvater war ein herumziehender Nomade“ – so heißt es in einem alten jüdischen Glaubensbekenntnis. Es gehört zu den erstaunlichen Fakten in der Geschichte des Volkes Israel, dass es seine Ursprünge nicht nachträglich heroisch verklärt hat. Die Vätergestalten Abraham und Isaac, Jakob und Esau, werden als das beschrieben, was sie wohl wirklich einmal gewesen sind: armselige Nomaden-Scheichs, die mit ihren Schaf- und Ziegenherden am Rand des besiedelten Ackerlandes ein kärgliches Auskommen fanden.

Lange Zeit hat die Wissenschaft die biblischen „Erzväter“ in den Bereich der Sage verwiesen. Es erschien undenkbar, dass solche Berichte nur durch mündliches Weitererzählen über tausend Jahre wahrheitsgetreu überliefert sein könnten.

Heute halten viele Forscher diese Geschichten in ihrem Kern eher für glaubwürdig. Sie beschreiben Lebensformen, die späteren Generationen nicht mehr so bekannt sein konnten. Ethnologen haben gezeigt, dass es durchaus Kulturen gibt, in denen mündliche Traditionen auch über Jahrhunderte wortgetreu weitergegeben wurden. Wissenschaftler beginnen, hinter den biblischen Texten einen historischen Kern herauszuschälen.

Auf dem Hintergrund solcher Forschungen versucht unsere Sendung, die alte Geschichte von Jakob und Esau nachzuerzählen: Als Familienkonflikt im Milieu einer Kleinvieh-Nomadensippe des 18. vorchristlichen Jahrhunderts.

Der Stoff ist schon von sich aus voller Farben und Details. Man merkt ihm die Freude am mündlichen Erzählen an. Familien-Rituale werden mit vielen altertümlichen Bräuchen und formellen Wechselreden bildhaft beschrieben – ebenso wie die umständlichen Verhandlungen eines Rechtsstreits unter den Führern zweier nomadischer Clanführer.

All das erschien bereits den Kulturland-Bewohnern jener Tage als fremdartig und unzivilisiert. Man blickte herab auf solche Randexistenzen und nannte sie verächtlich „Hapiru“ – heute würde man sagen: Zigeuner. Der ideale Ansatz für eine Radio-Sendung: Auch Reporter unserer Tage hätten den Ehrgeiz, die Lebensformen und Glaubensvorstellungen einer solchen „Randgruppe“ zu recherchieren und sie ihren Hörern nahe zu bringen.

Und wann trifft man heute schon auf eine „Story“ wie die der verfeindeten Brüder Jakob und Esau? Ein für ein Linsengericht erkauftes Erstgeburtsrecht und ein durch eine Verkleidungsposse ergaunerter Vatersegen – kein Boulevard-Magazin der Welt hätte sich das entgehen lassen!

Pressestimme

Hervorzuheben ist die intellektuelle Leistung aller Autoren, trotz des Live-Charakters der Beiträge, konsequent die Gefahr der Persiflage vermieden zu haben.

Robert-Geisendörfer-Preis 1983

Hörprobe zum Nachlesen: „Die Versöhnung“

Textfassung der Hörprobe (3:11 Min.). Maschinell transkribiert und redaktionell überarbeitet; einzelne Namen und Wendungen können vom gesprochenen Original abweichen.

Textfassung anzeigen

Hier bei uns, so scheint es, naht nun der Augenblick der Entscheidung. Wir können es von hier oben fast genau beobachten. Die Männer des Esau haben nun die Hügelkuppe drüben erreicht und blicken hinunter ins Tal auf das Lager, wo die zitternde Familie des Jakob wartet. Dort rufe ich zunächst den Kollegen Jörg Schumacher.

Es ist ein unheimliches Bild von hier unten aus. Zuerst hörten wir nur die Gesänge, und jetzt sehe ich, wie Mann für Mann von Esaus Kriegern auf dem Hügel erscheint. Sie bilden eine endlose Reihe, Mann für Mann, Speer für Speer, und das in der Sonne. Gegen den Himmel sehe ich den ganzen Kamm des Hügels voll von ihnen, wie ein dunkler Rand.

Und zwischen ihnen und bei ihnen unsere Kollegin Inge Bongers. Inge?

Ja, also wir sind jetzt hier mit den Kriegern oben auf dem Kamm angekommen. Es wird jetzt hier still, es wird sogar schlagartig still. Esau hat ein Zeichen gegeben. Es sieht so aus, als wenn er den Kriegern Einhalt gebietet. Ja, also Esau hat seinen Männern klargemacht – ich glaube, hier wird heute nicht gekämpft. Er steigt von seinem Streitwagen, er wirft Waffen von sich. Vielleicht wollen die Clanführer allein verhandeln, genau weiß ich auch noch nichts.

Und der andere Clanführer, was macht Jakob? Jakob war ja waffenlos, er hatte nur einen großen Mantel an. Den hat er jetzt ausgezogen, nur noch ein einfacher Lendenschurz bedeckt seine Blöße. Er geht immer ein paar Schritte vor, wirft sich dann auf die Knie, wirft die Hände vor sich, drückt die Stirn in den Boden. Dann verharrt er dort in dieser Geste. Er erhebt sich langsam wieder, geht wieder einige Schritte vor, und das Gleiche wiederholt sich. Eine Geste der totalen Unterwerfung. Wie reagiert jetzt Esau, Inge?

Ja, es ist schon wirklich sehr dramatisch, was man hier sieht. Das ist ein Schauspiel, würde ich mal sagen. Esau, der Heerführer, wirft also nicht nur Helm und Mantel ab, er hat jetzt auch seinen Brustpanzer heruntergerissen. Er läuft jetzt mit bloßem Oberkörper den Hügel herunter. Er bewegt sich auf seinen Bruder zu. Wir kommen gar nicht mit, wir dürfen auch nicht mit. Also, ich werde versuchen, demnächst ein bisschen näher heranzukommen. Aber das ist eine sehr, sehr dramatische Zuspitzung im Moment.

Was ist das für ein Bild! Esau ist auf Jakob zugerannt. Jakob liegt noch am Boden. Esau hebt ihn hoch, ja, er reißt ihn förmlich hoch. Er stellt ihn auf. Die beiden Männer sehen sich an, sie blicken sich in die Augen. Ich glaube, ich kann Tränen erblicken. Und jetzt umarmen sie sich. Sie umarmen sich mehrmals, sie küssen sich. Was für eine Begegnung!

Ja, also Tränen, feuchte Augen sehe ich hier auch. Ich bin nur nicht so ganz sicher, aus welchem Grund die Männer jetzt weinen: weil es eindeutig klar wird, es wird hier keinen Kampf, es wird keinen Krieg geben? Oder weinen sie tatsächlich auch vor Freude? Ja, also ein paar klatschen jetzt doch schon, auch wenn sie nicht so recht wissen, warum. Sie wissen: Es wird sich hier offensichtlich eine Versöhnung anbahnen. Das sieht sehr nach Versöhnung aus, und das sieht überhaupt nicht mehr nach Krieg aus.

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