Hier bei uns, so scheint es, naht nun der Augenblick der Entscheidung. Wir können es von hier oben, ja, wir können es fast genau beobachten. Die Männer des Esau haben nun die Hügelkuppe drüben erreicht und blicken hinunter ins Tal auf das Lager, wo die zitternde Familie des Jakob wartet. Dort rufe ich zunächst den Kollegen Jörg Schumacher.
Es ist ein unheimliches Bild von hier unten aus. Zuerst hörten wir nur die Gesänge, und jetzt sehe ich, wie Mann für Mann von Esaus Kriegern auf dem Hügel erscheint. Sie bilden eine endlose Reihe, Mann für Mann, Speer für Speer, und das in der Sonne. Gegen den Himmel sehe ich den ganzen Kamm des Hügels voll von ihnen, wie ein dunkler Rand.
Und zwischen ihnen und bei ihnen unsere Kollegin Inge Bongers. Inge?
Ja, also wir sind jetzt hier mit den Kriegern hier auf dem Kamm oben angekommen, und Sie werden das sicherlich merken: Es wird jetzt hier still, es wird sogar schlagartig still. Esau hat ein Zeichen gegeben. Es sieht so aus, wie wenn er den Kriegern Einhalt gebietet. Ja, also Esau hat seinen Männern klargemacht – ich glaube, hier wird heute nicht gekämpft. Er steigt von seinem Streitwagen, er wirft Waffen von sich. Vielleicht wollen die Clanführer allein verhandeln, genau weiß ich auch noch nichts.
Und der andere Clanführer, was macht Jakob? Jakob war ja waffenlos, er hatte nur einen großen Mantel an. Den hat er jetzt ausgezogen, nur noch ein einfacher Lendenschurz bedeckt seine Blöße. Er geht immer ein paar Schritte vor, wirft sich dann auf die Knie, wirft die Hände vor sich, drückt die Stirn in den Boden. Dann verharrt er dort in dieser Geste. Er erhebt sich langsam wieder, geht wieder einige Schritte vor, und das Gleiche wiederholt sich. Eine Geste der totalen Unterwerfung. Wie reagiert jetzt Esau, Inge?
Ja, also es ist schon wirklich sehr dramatisch, was man hier sieht. Das ist ein Schauspiel, würde ich mal sagen. Esau, der Heerführer, wirft also auch nicht nur Helm und Mantel ab, er hat jetzt auch seinen Brustpanzer heruntergerissen. Er läuft – doch, man kann es schon sagen –, er läuft jetzt mit bloßem Oberkörper den Hügel herunter. Er bewegt sich auf seinen Bruder zu. Wir kommen gar nicht mit, wir dürfen auch nicht mit. Also, ich werde versuchen, demnächst ein bisschen näher heranzukommen. Aber das ist eine sehr, sehr dramatische Zuspitzung im Moment.
Was ist das für ein Bild! Esau ist auf Jakob zugerannt. Jakob liegt noch am Boden. Esau hebt ihn hoch, ja, er reißt ihn förmlich hoch. Er stellt ihn auf. Die beiden Männer sehen sich an, sie blicken sich in die Augen. Ich glaube, ich kann Tränen erblicken. Und jetzt, jetzt umarmen sie sich. Sie umarmen sich mehrmals, sie küssen sich. Was für eine Begegnung!
Ja, also Tränen, feuchte Augen, feuchte Augen sehe ich hier auch. Ich bin nur nicht so ganz sicher, aus welchem Grund weinen die Männer jetzt: weil es eindeutig klar wird, es wird hier keinen Kampf, es wird keinen Krieg geben? Oder weinen sie tatsächlich auch vor Freude? Ja, also ein paar klatschen jetzt doch schon, wenn sie nicht so recht wissen, warum. Sie wissen: Es wird hier sich eine offensichtliche Versöhnung anbahnen. Das sieht sehr nach Versöhnung, und das sieht überhaupt nicht mehr nach Krieg aus.