Jakob und Esau – Der gestohlene Vatersegen

Eine Live-Sendung aus dem alten Kanaan im Jahre 1763 v. Chr.

Kurzfilm „Die Versöhnung“ 3:23 Min. · mit Untertiteln

Bilder KI-generiert, angelehnt an die Vorlagen im CD-Beiheft (Kanaanäische Nomadensippe, Versöhnung nach Rembrandt). Ton: Original-Hörprobe.

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Hörprobe „Die Versöhnung“

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Schauplatz
Kanaan
Zeit
1763 v. Chr.
Beiträge
21 Titel

Worum es geht

Ein für ein Linsengericht erkauftes Erstgeburtsrecht und ein durch Verkleidung ergaunerter Vatersegen: Radio Tyrus erzählt den Streit der Brüder Jakob und Esau als Familienkonflikt einer Nomadensippe im 18. Jahrhundert vor Christus – mit Flucht nach Haran, Unterwerfungsgeschenken, Friedensverhandlungen und einem Versöhnungsfest.

Ausführlicher Hintergrund: die Texte aus dem CD-Beiheft

Begleitheft zur CD · Vol. 9

Aus dem Beiheft

Die Begleittexte und Abbildungen aus dem gedruckten Heft zur CD „Jakob und Esau“. Der Wortlaut folgt dem Heft einschließlich seiner Schreibweisen; nur die Typografie wurde vereinheitlicht und offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.

Kapitel 1 Eine alte Geschichte

„Mein Vorvater war ein herumziehender Nomade“ – so heißt es in einem alten jüdischen Glaubensbekenntnis. Es gehört zu den erstaunlichen Fakten in der Geschichte des Volkes Israel, dass es seine Ursprünge nicht nachträglich heroisch verklärt hat. Die Vätergestalten Abraham und Isaak, Jakob und Esau, werden als das beschrieben, was sie wohl wirklich einmal gewesen sind: armselige Nomaden-Scheichs, die mit ihren Schaf- und Ziegenherden am Rand des besiedelten Ackerlandes ein kärgliches Auskommen fanden.

Lange Zeit hat die Wissenschaft die biblischen „Erzväter“ in den Bereich der Sage verwiesen. Es erschien undenkbar, dass solche Berichte nur durch mündliches Weitererzählen über tausend Jahre wahrheitsgetreu überliefert sein könnten. Heute halten viele Forscher diese Geschichten in ihrem Kern eher für glaubwürdig. Sie beschreiben Lebensformen, die späteren Generationen nicht mehr so bekannt sein konnten. Ethnologen haben gezeigt, dass es durchaus Kulturen gibt, in denen mündliche Traditionen auch über Jahrhunderte wortgetreu weitergegeben wurden. Wissenschaftler beginnen, hinter den biblischen Texten einen historischen Kern herauszuschälen. Auf dem Hintergrund solcher Forschungen versucht unsere Sendung, die alte Geschichte von Jakob und Esau nachzuerzählen: Als Familienkonflikt im Milieu einer Kleinvieh-Nomadensippe des 18. vorchristlichen Jahrhunderts.

Der Stoff ist schon von sich aus voller Farben und Details. Man merkt ihm die Freude am mündlichen Erzählen an. Familien-Rituale werden mit vielen altertümlichen Bräuchen und formellen Wechselreden bildhaft beschrieben – ebenso wie die umständlichen Verhandlungen eines Rechtsstreits unter den Führern zweier nomadischer Clanführer.

All das erschien bereits den Kulturland-Bewohnern jener Tage als fremdartig und unzivilisiert. Man blickte herab auf solche Randexistenzen und nannte sie verächtlich „Hapiru“ – heute würde man sagen: Zigeuner. Der ideale Ansatz für eine Radio-Sendung: Auch Reporter unserer Tage hätten den Ehrgeiz, die Lebensformen und Glaubensvorstellungen einer solchen „Randgruppe“ zu recherchieren und sie ihren Hörern nahe zu bringen. Und wann trifft man heute schon auf eine „Story“ wie die der verfeindeten Brüder Jakob und Esau? Ein für ein Linsengericht erkauftes Erstgeburtsrecht und ein durch eine Verkleidungsposse ergaunerter Vatersegen – kein Boulevard-Magazin der Welt hätte sich das entgehen lassen!

Farbige Illustration: Auf einem Hügel über einer weiten Landschaft mit Palmen ringt ein Mann in rotem Gewand mit einem Engel in weißem Gewand und großen Flügeln; der Engel hält ihn an den erhobenen Armen.
Jakob ringt mit dem Engel. Nach einer Bibel-Illustration von Gustave Doré (1865)

Kapitel 2 Randfiguren der damaligen Welt

In der Bibel stehen die Vorväter des Volkes Israel im Mittelpunkt des Geschehens. In Wirklichkeit waren Männer wie Abraham, Isaak und Jakob aber eher unbedeutende Randexistenzen im politischen Umfeld ihrer Zeit. Die damaligen Zentren der Zivilisation lagen in den fruchtbaren Landstrichen, die sich in einem weiten Bogen rund um die Syrisch-Arabische Wüste erstrecken: in Mesopotamien (dem heutigen Irak), in Kleinasien (heute: Türkei), in Syrien und Palästina (damals: Kanaan) und in Ägypten. Die Anfänge dieser Kulturen reichten schon damals Jahrtausende zurück – fast ebenso weit, wie die Zeit der biblischen Vorväter von unserer Gegenwart entfernt ist.

Seit ihrer Entstehung waren die fruchtbaren Kulturländer Anziehungspunkt für Nomadenvölker, die ihre Existenz am Rande der großen Wüste fristeten. Am Nil wie am Euphrat versuchte man, die unerwünschten Zuwanderer durch Grenzmauern abzuhalten. Am Ende musste man sich zumeist mit ihnen arrangieren. Die Nomaden wurden sesshaft und übernahmen nach langer Anpassungszeit die Kultur ihrer Gastvölker. Oft wurden ihre Anführer später zu Königen und führten das Land zu neuer Macht und Blüte.

Historische Karte des Alten Orients um 1760 vor Christus, von Ägypten und Kleinasien bis zum Persischen Golf. Beschreibung siehe Text unter der Karte.
Der Alte Orient zur Zeit des Königs Hammurabi von Babylon (um 1760 v. Chr.)
Kartenbeschreibung

Die Karte zeigt den „Fruchtbaren Halbmond“: Er reicht von Ägypten mit dem Nil (Memphis, Heliopolis, Theben) über Kanaan an der Mittelmeerküste bis nach Mesopotamien zwischen Euphrat und Tigris.

Kanaan: Hebron, Jerusalem, Jericho und Beersheva; östlich des Jordans ist der Fluss Jabbok eingetragen. An der Küste nördlich davon Tyros, Sidon, Byblos, Arwad und Ugarit; im Binnenland Damaskus, Kadesch am Orontes, Hamath und Tadmor (Palmyra).

Im Norden: Kleinasien mit dem Reich der Hethiter (Hattuša), das Reich Mitanni mit Haran, dazu Karkemisch am Euphrat sowie Vansee und Urmiasee.

Mesopotamien: Mari am Euphrat, Assyrien mit Assur und Ninive am Tigris, Babylonien mit Sippar, Babylon, Akkad, Nippur, Lagasch, Uruk, Larsa und Ur. Östlich davon Eschnunna, die Kassiten und Elam mit Susa.

In Mesopotamien waren die alten Reiche von Sumer und Akkad unter dem Druck einwandernder Nomadenstämme zerbrochen. Lange Zeit konkurrierten einzelne Stadtstaaten um die Vorherrschaft. Schließlich war es der große König Hammurabi, der das Land wieder einte und das babylonische Weltreich gründete. Auch er stammte ursprünglich aus einem zugewanderten Nomaden-Geschlecht.

Das Land am Nil wurde zu jener Zeit durch politische Krisen erschüttert. Die Herrscher wechselten in kurzen Abständen, manche Pharaonen regierten nur wenige Monate. Es sollte nicht mehr lange dauern, bis die so genannten „Hyksos“ das Land übernahmen: Kriegerstämme, die aus dem benachbarten Kanaan eingewandert waren.

Dort gab es nach dem Niedergang der ägyptischen Schutzmacht keine übergeordnete Kraft mehr, auf die sich die vielen alten Stadt-Königtümer bei der Abwehr zuwandernder Nomaden stützen konnten. Diese begannen zunehmend, das freie Wald- und Steppenland zwischen den Städten zu besiedeln.

Hohe, schmale dunkle Steinstele; im oberen Teil ein Relief mit einer stehenden und einer thronenden Gestalt, darunter eng beschriebene Fläche.
Gesetzes-Stele des Hammurabi (1760 v. Chr.)

Nomaden hat es im Orient schon immer gegeben. Sie nutzen das unbebaute Land zwischen den landwirtschaftlich erschlossenen Gebieten. In der trockenen Jahreszeit, wenn in der Steppe das Gras verdorrt, schlagen sie ihr Quartier in der Nähe einer Stadt auf. Hier haben sie Verträge mit Grundbesitzern, die ihnen erlauben, die abgeernteten Felder als Weide zu nutzen. Die Grenzen der Weidegebiete sind durch Verträge mit anderen Nomadensippen abgesichert. Wird die Herde einer Gemeinschaft für das zur Verfügung stehende Weideland zu groß, dann muss sich ein Familienmitglied mit einem Teil der Herde einen neuen Lebensraum suchen.

Nomaden sind nicht an einen festen Ort gebunden. Sie kennen keine übergeordnete staatliche Rechtsordnung. Für sie gilt das alte Sippenrecht der direkten Vergeltung. So musste der große Hammurabi das Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ wieder in seine Gesetzessammlung aufnehmen, weil die bis dahin verhängten Geldstrafen das Gerechtigkeits-Empfinden der Zuwanderer verletzten und zu Blutrache und Selbstjustiz geführt hatten.

Kapitel 3 Die Familie

Die Geschichte von Jakob und Esau ist Teil einer ganzen Familien-Saga. Sie ist im Lauf der Zeit aus ursprünglich getrennt überlieferten Erzählungen zusammengewachsen. (In der Bibel nachzulesen im 1. Mosebuch ab Kap. 12)

Die Vorgeschichte beginnt in der alten Königsstadt Ur im südlichen Mesopotamien: Hundert Jahre vor der Geburt der beiden ungleichen Zwillinge begibt sich dort eine Nomadenfamilie auf die Wanderschaft, um neue Weidegründe zu suchen. Weit im Norden wird sie wieder sesshaft, bei der syrischen Stadt Haran am Euphrat.

Doch einem der Söhne wird es auch hier zu eng. Eine innere Stimme weist ihm den Weg nach Kanaan. Dort sei ein ganzes Land in Besitz zu nehmen, Raum genug, dass seine Familie zu einem großen Volk wachsen kann. Sein Name: Abraham. Er folgt seiner Vision und siedelt sich schließlich in der Oase Beersheva an, am Rand der Negev-Wüste.

Die alten Erzählungen geben die Lebensweise solcher Kleinvieh-Hirten in vielen Einzelheiten wieder: Das Nomadenleben war hart und voller Entbehrungen. Die Herden konnten wegen der Lämmer und trächtigen Tiere nur langsam vorwärts ziehen. Einmal am Tag musste eine Wasserstelle erreicht werden. Das Weideland war oft gebirgig und von Dornengestrüpp überwuchert. Löwen, Bären und Hyänen suchten nach Beute. Die Hitze konnte tagsüber ins Unerträgliche steigen, in klaren Nächten sank die Temperatur fast an den Gefrierpunkt. Blieb manchmal über Jahre der Regen aus, mussten die freiheitsliebenden Hirten ihre Selbständigkeit aufgeben und sich mit ihren Herden bei fremden Herrschern in den Dienst stellen.

Ägyptische Wandmalerei: Eine Gruppe von Männern, Frauen und Kindern in gemusterten, bunten Gewändern zieht nach rechts. Männer tragen Bögen, Speere und eine Leier, Esel tragen Gepäck und Kinder, vorn werden ein Steinbock und eine Gazelle geführt; oben rechts Hieroglyphen.
Kanaanäische Nomadensippe. (Nach einem ägyptischen Grabgemälde um 1850 v. Chr.)

Fast alles, was man zum Leben brauchte, wurde von der Herde gewonnen. Salz und Getreide tauschte man in den Städten ein. Der geringe Hausrat wurde von einer Generation auf die andere weitergegeben. Wandernde Hirtenfamilien besitzen ja nicht mehr, als auf ein paar Eseln transportiert werden kann. Nur in Ausnahmefällen fand man einen Siedlungsplatz, der den Bau von festen Hütten und etwas Landwirtschaft erlaubte.

Das Zusammenleben war durch überlieferte Regeln festgelegt. Über ihre Einhaltung wachte der „Vater“ des Familienclans. Er hatte die alleinige Entscheidungsgewalt. Die Sippenangehörigen waren ihm unbedingten Gehorsam schuldig. Dazu gehörten nicht nur die engeren Mitglieder der Familie, sondern auch Sklaven und schutzsuchende Flüchtlinge, arme Verwandte und vertraglich gebundene Hirten mit ihren Familien. In der Praxis gab es aber kaum Standesunterschiede.

Das Gastrecht und die Gastfreundschaft waren heilig. Um das friedliche Nebeneinander der unterschiedlichen Nomadengruppen zu garantieren, galten harte Gesetze. Gleiches wurde mit Gleichem vergolten: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Es gab ja keine staatliche Instanz, die zwischen den Familien richten konnte.

Verwandte Sippen hielten auch über große Entfernungen zusammen. Die Familie des Abraham stand noch über Generationen in Verbindung mit ihren Stammesverwandten, die rund 1000 Kilometer entfernt im syrischen Haran lebten. Dort warb Abraham um eine Braut für seinen Sohn Isaak. Dort hin floh dessen Sohn Jakob vor der Rache seines Bruders Esau, um später mit reichen Herden nach Kanaan zurückzukehren.

Kapitel 4 Die Verheißung

Die Zukunft einer wandernden Nomaden-Sippe ist ständig gefährdet: Wird es auch in den kommenden Tagen, Monaten und Jahren Weide und Wasser geben? Werden wilde Tiere oder Räuber einfallen? Sind die Herden fruchtbar, gibt es genug zuverlässige Hirten? Wird endlich der Sohn und Erbe geboren, der die Familie auch in Zukunft zusammenhält?

Noch viel riskanter ist der Aufbruch ins Ungewisse auf der Suche nach neuen Weidegründen. Die biblische Familiensaga um die Gestalten Abraham, Isaak und Jakob beginnt mit einem solchen Aufbruch. Sie berichtet zugleich, was einem Mann wie Abraham den Mut und den Antrieb gab, so einen Schritt zu wagen: „Und Gott sprach zu Abraham: Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in ein Land, das ich dir zeigen werde. Und ich will dich zu einem großen Volk machen und will dich segnen und deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein …“

In den Augen der „zivilisierten“ Menschen jener Zeit waren die wandernden Nomaden „Stammesangehörige“, die einem primitiven Glauben anhingen. Sie hatten keine Götterbilder und keine festen Tempel wie die Stadtbewohner, sie kannten keine Priester und keine heiligen Schriften. Sie beteten vor aufgerichteten Steinen, auf heiligen Bergen, an heiligen Bäumen und Quellen. Ihr Gott wurde als eine Art Familienbesitz betrachtet. Er teilte sich dem Anführer der Sippe durch Träume und Visionen mit – manchmal auch anderen Familienangehörigen. Dieser Gott hatte weder Gestalt noch einen eigenen Namen. Man nannte ihn nach den Stammvätern der Familie: Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs.

Anders als die damaligen Kulturvölker mit ihrem vielfach und mythenreich bevölkerten Götterhimmel verehrten diese Nomadensippen nur einen Gott. Ihm fühlten sie sich in einem gegenseitigen Treuevertrag verbunden. „Ich will dein Gott sein und du sollst mein Volk sein“ – so beschreibt das spätere Israel den Bund mit seinem Gott, ganz in der Tradition der nomadischen Väter.

Ausgangspunkt und Basis dieses Gottesverhältnisses sind die Zukunfts-Zusagen dieses Gottes, die er den nomadischen Vätern der Frühzeit gegeben hat. Die biblische Familien-Saga um Abraham und Isaak, Jakob und Esau variiert in vielen Einzelgeschichten, wie diese Gestalten den Glauben an die Verheißungen nicht aufgeben, obwohl sie oft genug in völlig aussichtslose Situationen geführt werden. Am Ende zeigt sich: Ihr Gott hat trotz aller Bedrohungen und Wechselfälle des Lebens seine Zusage eingehalten und seine Verheißungen erfüllt. Eine Erfahrung mit Folgen: Das Vertrauen einiger frühgeschichtlicher Nomaden in die Verheißungen ihres Gottes wurde über die Zeiten hinweg zum Modell für religiösen Glauben schlechthin.

Holzschnitt: Im Vordergrund liegt ein bärtiger Mann schlafend auf dem Boden, den Kopf in die Hand gestützt. Von ihm aus führt eine lange Leiter schräg nach oben in die Wolken, auf der Engel auf- und absteigen; im Hintergrund eine Landschaft mit Kirche und Häusern.
Jakob schaut die Himmelsleiter und erhält die Verheißungen seines Gottes. Bibel-Illustration um 1736

Kapitel 5 Die Brüder

„… Isaak bat Gott für seine Frau, denn sie war unfruchtbar. Und Gott ließ sich erbitten, und Rebekka wurde schwanger. Aber die Kinder stießen sich in ihrem Leib. Da sprach sie: Wenn es mir so schlecht geht, warum bin ich dann schwanger geworden? Und sie ging hin, um Gott zu befragen. Und Gott sprach zu ihr: Zwei Völker sind in deinem Leibe, zwei Nationen werden sich aus deinem Leibe scheiden. Ein Volk aber wird dem andern überlegen sein: der Ältere wird dem Jüngeren dienen.

Als nun die Zeit der Geburt kam, waren Zwillinge in ihrem Leibe. Der erste, der heraus kam, war rötlich und ganz rau wie ein Tierfell. So nannten sie ihn Esau (den Roten). Kurz danach kam sein Bruder heraus, der hielt mit seiner Hand die Ferse des Esau. Ihn nannten sie Jakob.

Als nun die Knaben aufwuchsen, wurde Esau ein Mann, der sich auf die Jagd verstand, ein Mann der freien Wildbahn. Jakob aber war ein gesitteter Mann, der in Zelten wohnte. Und Isaak zog Esau vor, weil er gern Wildbret aß, Jakob aber war der Liebling Rebekkas …“

Altorientalische Familiengeschichten sind immer zugleich auch Dokumente der Stammes-Geschichte. Wenn sich zwei Nomadenfamilien auf ihren Wanderungen begegneten, zählten sie einander ihre Vorfahren auf und konnten so feststellen, in welchem Verwandtschaftsverhältnis sie zueinander standen.

In der Charakterisierung der beiden ungleichen Brüder Jakob und Esau spiegelt sich die viele Jahrhunderte andauernde Spannung zwischen den Nachbarvölkern Israel und Edom. Manche sehen eine Fortsetzung dieses Konflikts bis in die Gegenwart hinein und berufen sich auf solche Bibel-Überlieferungen, wenn sie von einer quasi „Gott-gewollten“ Vorherrschaft des heutigen Staates Israel über seine palästinensischen Nachbarn und Mitbewohner sprechen.

Der Familienstreit im Hause des Nomadenscheichs Isaak wird mit orientalischer Erzählfreude beschrieben: Auch wenn er nur um ein paar Minuten früher geboren wurde, fällt dem Esau die Rolle des „älteren Bruders“ zu, der traditionell in der Familie den Vater zu vertreten und die nötigen Entscheidungen zu fällen hat. Aber Esau liebt das ungebundene Leben in der Steppe. Die Verantwortung für Haus und Herden ist ihm eher eine Last. Der gleichaltrige Jakob dagegen strebt nach dieser Verantwortung. So kommt es zum Rollentausch: Ein von Jakob zubereitetes Linsengericht gibt den Anlass: Esau überlässt seinem Bruder das Erstgeburtsrecht und erkauft sich damit die Freiheit von den lästigen Familienpflichten.

Federzeichnung in Braun: Links steht ein Mann mit Turban und Wanderstab und greift über einen Tisch nach einer Schale; dahinter sitzt ein junger Mann und reicht ihm die Schale.
Das Linsengericht. Nach einer Rembrandt-Zeichnung um 1650

Kapitel 6 Der gestohlene Vater-Segen

Der freiheitsliebende Esau hat zwar die lästige Alltags-Verantwortung abgegeben, aber er behält die Gewissheit: Zum Nachfolger in der Position des Familien-Patriarchen wird der Vater ihn ernennen und nicht das Muttersöhnchen Jakob. Diese Nachfolge hat nichts mit dem materiellen Erbe und nichts mit der Position des Erstgeborenen zu tun: Der Anführer eines nomadischen Hirten-Clans bestimmt in eigener Vollmacht, wen er für geeignet hält, die Familientradition fort zu führen. Und Isaak zieht den männlichen Jäger Esau vor, der ihn regelmäßig mit Wildbret-Delikatessen erfreut.

Die Mutter aber ist überzeugt, dass ihr hinfälliger Mann die falsche Entscheidung getroffen hat. Denn ihr Erstgeborener hat sich schon zu sehr mit der Kultur der Landesbewohner angefreundet und sogar zwei kanaanäische Frauen geheiratet. Wie soll er da die göttliche Familien-Verheißung erfüllen, der Stammvater eines eigenen Volkes zu werden, dem einmal das ganze Land gehören wird? Als der Zeitpunkt gekommen ist, greift Rebekka zu einer folgenschweren List. Die Geschichte wird in der Bibel mit vielen farbigen Einzelheiten beschrieben:

„… Da sprach Rebekka zu ihrem Sohn Jakob: Siehe, ich habe gehört, dass dein Vater zu deinem Bruder Esau sagte: Bringe mir ein Wildbret und mach mir ein Festessen, dass ich esse und dich segne vor Jahwe, ehe ich sterbe. Nun höre auf mich mein Sohn: Geh zur Herde und hole mir zwei gute Ziegenböcklein, dass ich deinem Vater ein Festessen bereite, wie er’s gern hat. Das sollst du zu deinem Vater hinein tragen, dass er es esse und dich vor seinem Tod segne.

Und die Mutter machte ein Essen, wie es sein Vater gern hatte. Dann nahm sie die Festkleider ihres älteren Sohnes Esau und zog sie Jakob an. Und die Felle der Ziegenböckchen legte sie ihm um seine Arme und um seinen Hals. Dann gab sie ihrem Sohn Jakob das Festessen. Der ging damit hinein zu seinem Vater und sprach: Mein Vater! Der antwortete: Hier bin ich. Wer bist du, mein Sohn? Jakob sprach zu seinem Vater: Ich bin Esau, dein erstgeborener Sohn.

Und Isaak sagte: Tritt herzu, mein Sohn, dass ich dich betaste, ob du wirklich mein Sohn Esau bist. So trat Jakob zu seinem Vater Isaak. Und als er ihn betastet hatte, sprach er: Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Arme sind Esaus Arme. Und sein Vater Isaak sprach zu ihm: Komm her und küsse mich, mein Sohn! Er trat hinzu und küsste ihn. Da roch er den Geruch seiner Kleider und segnete ihn …“ (Nach 1. Mose 27)

Holzschnitt: In einem Gemach mit Säulen und Baldachinbett sitzt der alte, bärtige Isaak im Bett und legt die Hände auf einen vor ihm knienden jungen Mann; links steht eine Frau und schaut zu.
Jakob erschleicht sich den Segen seines Vaters. Bibel-Illustration um 1736

Kapitel 7 Im Exil

Steinrelief: Links steht ein Hirte mit langem Gewand und Stab, vor ihm ziehen mehrere Schafe und Widder mit gewundenen Hörnern nach rechts.
Mesopotamischer Hirte. Nach einem assyrischen Relief um 730 v. Chr.

Segen und Fluch haben in den Kulturen der Frühzeit eine magische Qualität. Einmal ausgesprochen, können sie nicht wieder zurück geholt werden. Als Esau von der Jagd kommt und dem Vater sein Wildbret bringt, entdecken beide die Täuschung. Der Betrogene muss sich mit einem kümmerlichen Ersatz-Segen begnügen und schwört seinem Bruder den Tod. Der flieht auf den Rat seiner Mutter zur Verwandtschaft nach Syrien – angeblich, um sich dort eine Frau zu suchen. Der hilflose Vater gibt ihm dafür noch einen Reise-Segen mit auf den Weg.

Die biblischen Texte über den Aufenthalt des Flüchtlings Jakob bei seinem Onkel Laban in Haran sind ein weiteres Glanzstück altorientalischer Erzählkunst. Der Onkel wird als geldgieriger Viehzucht-Unternehmer beschrieben, der die Notlage des armen Verwandten ausnutzt und ihn viele Jahre lang kostenlos für sich arbeiten lässt. Der Betrüger wird so selbst zum Betrogenen – dieses Motiv wird in der Bibel mit viel Schadenfreude ausgemalt:

„… Und Laban sprach zu Jakob: Du bist mein Verwandter, aber solltest du mir darum umsonst dienen? Sag mir, was dein Lohn sein soll! Nun hatte Laban zwei Töchter, die ältere hieß Lea, die jüngere Rahel. Aber Leas Augen waren stumpf, Rahel dagegen war schön von Gestalt und Aussehen. Und Jakob hatte Rahel lieb gewonnen, so sprach er: Ich will dir sieben Jahre um deine jüngere Tochter Rahel dienen. Und Laban sagte: Es ist besser, ich gebe sie dir als einem andern; bleib bei mir.

So diente Jakob um Rahel sieben Jahre, und sie kamen ihm vor, als wär’s ein Tag, so lieb hatte er sie. Und Jakob sprach zu Laban: Gib mir nun meine Braut; denn die Zeit ist gekommen, dass ich sie heirate. Da lud Laban die Leute des Ortes ein und machte ein Festmahl. Am Abend nahm er seine Tochter und brachte sie zu Jakob; und er schlief mit ihr. Aber am anderen Morgen – siehe, da war es die Lea! Und Jakob sprach zu Laban: Was hast du mir angetan? Habe ich dir nicht um Rahel gedient? Warum hast du mich betrogen? Laban antwortete: Es ist hierzulande nicht Sitte, die Jüngere vor der Älteren wegzugeben. Vollende die Festwoche mit dieser, so will ich dir danach auch die andere geben. Aber dafür musst du mir weitere sieben Jahre dienen …“

Natürlich schafft das Konflikte. Es kommt zu einem ausführlich beschriebenen Gebär-Wettstreit zwischen den Rivalinnen, an der auch noch deren Leibmägde beteiligt werden. Zwölf Söhne werden Jakob auf diese Weise geboren – die künftigen 12 Stammväter Israels.

Jakob übertrifft indessen seinen Onkel an züchterischem Geschick. Auch hier lässt der biblische Erzähler den Betrüger am Ende als Betrogenen da stehen – und als schlechten Verlierer, der dem Schwiegersohn so lange die Gründung eines eigenen Hausstands verweigert, bis der sich genötigt sieht, erneut die Flucht zu ergreifen: zurück in die alte Heimat, wo der betrogene Bruder auf ihn wartet.

Farbfoto einer Siedlung aus Lehmbauten mit spitz zulaufenden, kegelförmigen Kuppeldächern, verbunden durch niedrige Mauern; im Hintergrund flaches Land.
Traditionelle „Bienenkorb-Häuser“ im alten Haran

Kapitel 8 Die Versöhnung

Der um den väterlichen Nachfolge-Segen betrogene Esau hatte sich mit einem jämmerlichen Ersatz-Segen begnügen müssen, der eher einem Fluch glich: Fern vom fruchtbaren Kulturland sollten er und seine Nachkommen leben und als Söldner im Dienst fremder Herren stehen. Den Erben Jakobs würden sie unterworfen sein und erst in ferner Zukunft die Kraft finden, dieses Joch abzuschütteln.

Spätere geschichtliche Erfahrungen über das Verhältnis der beiden Völker Israel und Edom sind in diese Verheißung eingeflossen. Die ursprüngliche Erzählung ist mehr an der Läuterung ihrer Helden Jakob und Esau interessiert. Die Spannung wird geschickt auf den Höhepunkt getrieben und der Leser bis zum Schluss über den Ausgang im Unklaren gelassen.

Esau ist wirklich ein Söldnerführer geworden. Als Jakob ihm seine Rückkehr ankündigt und dabei die volle Unterwerfung anbietet, bricht er ohne Antwort auf und zieht dem Bruder mit 400 Mann entgegen. Die Zahlen, die heute in der Bibel stehen, sind sicher spätere Überzeichnungen. In Wirklichkeit wird es sich um eine überschaubare Streifschar gehandelt haben, und auch die Herden Jakobs zählten wohl kaum mehr als einige hundert Tiere.

Jakob kann nicht mehr zurück. Auch der Onkel ist ihm mit Bewaffneten gefolgt und hat ihn nur unter dieser Bedingung aus dem Familienclan entlassen. An einer Furt des Jordan-Nebenflusses Jabbok kommt es zur entscheidenden Begegnung. Zuvor aber lässt der biblische Erzähler Jakob einen letzten symbolischen Kampf mit den Geistern der Vergangenheit ausfechten:

„Und Jakob stand auf in jener Nacht, nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und führte sie über den Fluss und brachte alles hinüber, was er hatte. Er selbst aber blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht überwinden konnte, verrenkte er ihm seine Hüfte und sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Und Jakob forderte ihn auf: Offenbare mir deinen Namen! Er aber sprach: Was fragst du wer ich bin? Und er segnete ihn an jenem Ort. Und es ging ihm die Sonne auf; als er die Stätte verließ, und er hinkte an seiner Hüfte.

Jakob aber hob seine Augen auf und sah seinen Bruder Esau kommen mit 400 Mann. Da verteilte er seine Kinder auf Lea und Rahel und auf die beiden Leibmägde. Die Mägde mit ihren Kindern stellte er vornean, dahinter Lea mit ihren Kindern, zuletzt Rahel mit Josef. Er selbst ging vor ihnen her und verneigte sich siebenmal zur Erde, bis er zu seinem Bruder kam. Esau aber lief ihm entgegen und umarmte ihn, fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und sie weinten …“

(Alles nachzulesen im 1. Mose-Buch der Bibel, Kapitel 25 bis 33 – Fortsetzung folgt.)

Federzeichnung in Braun: In der Bildmitte umarmen sich zwei Männer, einer mit Turban; ringsum stehen Bewaffnete mit Speeren, rechts und links Tiere einer Herde, im Hintergrund Bäume.
Esau versöhnt sich mit seinem Bruder Jakob. Nach einer Rembrandt-Zeichnung (um 1655)

Hörprobe zum Nachlesen: „Die Versöhnung“

Textfassung der Hörprobe (3:11 Min.), die auch den Ton des Kurzfilms bildet. Maschinell transkribiert und redaktionell überarbeitet; einzelne Namen und Wendungen können vom gesprochenen Original abweichen.

Textfassung anzeigen

Hier bei uns, so scheint es, naht nun der Augenblick der Entscheidung. Wir können es von hier oben, ja, wir können es fast genau beobachten. Die Männer des Esau haben nun die Hügelkuppe drüben erreicht und blicken hinunter ins Tal auf das Lager, wo die zitternde Familie des Jakob wartet. Dort rufe ich zunächst den Kollegen Jörg Schumacher.

Es ist ein unheimliches Bild von hier unten aus. Zuerst hörten wir nur die Gesänge, und jetzt sehe ich, wie Mann für Mann von Esaus Kriegern auf dem Hügel erscheint. Sie bilden eine endlose Reihe, Mann für Mann, Speer für Speer, und das in der Sonne. Gegen den Himmel sehe ich den ganzen Kamm des Hügels voll von ihnen, wie ein dunkler Rand.

Und zwischen ihnen und bei ihnen unsere Kollegin Inge Bongers. Inge?

Ja, also wir sind jetzt hier mit den Kriegern hier auf dem Kamm oben angekommen, und Sie werden das sicherlich merken: Es wird jetzt hier still, es wird sogar schlagartig still. Esau hat ein Zeichen gegeben. Es sieht so aus, wie wenn er den Kriegern Einhalt gebietet. Ja, also Esau hat seinen Männern klargemacht – ich glaube, hier wird heute nicht gekämpft. Er steigt von seinem Streitwagen, er wirft Waffen von sich. Vielleicht wollen die Clanführer allein verhandeln, genau weiß ich auch noch nichts.

Und der andere Clanführer, was macht Jakob? Jakob war ja waffenlos, er hatte nur einen großen Mantel an. Den hat er jetzt ausgezogen, nur noch ein einfacher Lendenschurz bedeckt seine Blöße. Er geht immer ein paar Schritte vor, wirft sich dann auf die Knie, wirft die Hände vor sich, drückt die Stirn in den Boden. Dann verharrt er dort in dieser Geste. Er erhebt sich langsam wieder, geht wieder einige Schritte vor, und das Gleiche wiederholt sich. Eine Geste der totalen Unterwerfung. Wie reagiert jetzt Esau, Inge?

Ja, also es ist schon wirklich sehr dramatisch, was man hier sieht. Das ist ein Schauspiel, würde ich mal sagen. Esau, der Heerführer, wirft also auch nicht nur Helm und Mantel ab, er hat jetzt auch seinen Brustpanzer heruntergerissen. Er läuft – doch, man kann es schon sagen –, er läuft jetzt mit bloßem Oberkörper den Hügel herunter. Er bewegt sich auf seinen Bruder zu. Wir kommen gar nicht mit, wir dürfen auch nicht mit. Also, ich werde versuchen, demnächst ein bisschen näher heranzukommen. Aber das ist eine sehr, sehr dramatische Zuspitzung im Moment.

Was ist das für ein Bild! Esau ist auf Jakob zugerannt. Jakob liegt noch am Boden. Esau hebt ihn hoch, ja, er reißt ihn förmlich hoch. Er stellt ihn auf. Die beiden Männer sehen sich an, sie blicken sich in die Augen. Ich glaube, ich kann Tränen erblicken. Und jetzt, jetzt umarmen sie sich. Sie umarmen sich mehrmals, sie küssen sich. Was für eine Begegnung!

Ja, also Tränen, feuchte Augen, feuchte Augen sehe ich hier auch. Ich bin nur nicht so ganz sicher, aus welchem Grund weinen die Männer jetzt: weil es eindeutig klar wird, es wird hier keinen Kampf, es wird keinen Krieg geben? Oder weinen sie tatsächlich auch vor Freude? Ja, also ein paar klatschen jetzt doch schon, wenn sie nicht so recht wissen, warum. Sie wissen: Es wird hier sich eine offensichtliche Versöhnung anbahnen. Das sieht sehr nach Versöhnung, und das sieht überhaupt nicht mehr nach Krieg aus.

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